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Blog - Aktuelle Neuigkeiten

Wir ermöglichen Evidence Based Policy

18. Dezember 2020/in Gesundheitssystem der Zukunft

Der Complexity Science Hub Vienna wurde gegründet, um Big Data sinnvoll und zielgerichtet zu nutzen und neue Erkenntnisse über komplexe Systeme zu generieren. Generalsekretär Mag. Philipp Marxgut beleuchtet im Interview mit FOPI.flash, welche Potenziale sich daraus etwa im Gesundheitsbereich ergeben.

Über die Nutzung von Big Data im Gesundheitswesen wird viel und kontroversiell diskutiert. Was wäre damit möglich? Und welche Projekte realisieren Sie jetzt schon?
Mit großen Datensätzen, die unseren WissenschaftlerInnen zur Verfügung gestellt werden, können wir die Realität in Modellen nachbauen und damit dann unterschiedlichste Berechnungen durchführen. So können wir mit anonymisierten Daten der Sozialversicherung darstellen, wie viele ÄrztInnen es wann und wo braucht, damit das Gesundheitssystem optimal läuft, oder wie viele Intensivbetten benötigt werden oder wie es um den Gesundheitszustand der Bevölkerung steht. Das ist bereits sehr interessant, aber nur der erste Schritt. Noch aufschlussreicher ist es, sich nun anzusehen, welche Auswirkungen gewisse Interventionen hätten. Wir können beispielsweise simulieren, wie sich die ärztliche Versorgung in Österreich für die Menschen entwickeln würde, wenn bestimmte Ärztegruppen in einer Region wegfallen, zum Beispiel, weil ÄrztInnen, die in Pension gehen, nicht nachbesetzt werden. Wir sehen dann auch, ab wann die Versorgung zusammenbricht, sprich, wir können einen Resilienzpunkt für das Gesundheitssystem in den Regionen festlegen. Mit diesem Wissen können EntscheidungsträgerInnen nun gezielt gegensteuern, etwa um fehlende ÄrztInnen in genau diese Region zu rekrutieren.

Eine andere Forschungsrichtung mit Gesundheitsdaten ist das Modellieren von Erkrankungen als Netzwerke, so genannte „„comorbidity networks“. Hier können wir zeigen, mit welcher Häufigkeit bestimmte Krankheiten wie Brustkrebs, Prostatakrebs oder Verdauungsstörungen zusammen mit anderen Erkrankungen auftreten – und zwar aufgeschlüsselt nach Altersgruppen oder Geschlecht. Wir können auch die Inzidenz bestimmter Erkrankungen regional verorten und prognostizieren, wie sich z. B. Diabetes mit all seinen Komorbiditäten voraussichtlich in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren in Österreich entwickeln wird. Damit wird die Gesundheitsversorgung besser planbar.

Und es wäre eine Grundlage für Präventionsmaßnahmen?

Ja, ganz richtig. Es gibt den EntscheidungsträgerInnen im Gesundheitssystem die Möglichkeit, gezielt einzugreifen und präventiv etwas gegen diese Trends zu unternehmen. Unsere Art der Big-Data-Forschung erlaubt also eine „Evidence Based Policy“.

Haben Sie auch die COVID-19-Pandemie in Ihren Analysen abgebildet?

Wir haben tatsächlich eine Reihe von Projekten umgesetzt, die mit COVID-19 zu tun hatten. Unter anderem haben wir eine sehr umfang- und detailreiche Datenbank mit Maßnahmen, die Regierungen rund um den Globus gegen die Ausbreitung des Virus ergriffen haben, angelegt. Die „CSH Covid-19 Control Strategies List” oder CCCSL ist sogar in die weltweite Datenbank der WHO eingeflossen.

Auf Basis der CCCSL konnten unsere WissenschaftlerInnen – schwerpunktmäßig IT-, Mathematik- und StatistikexpertInnen – berechnen, welche Maßnahmen wirksamer und welche weniger wirksam waren.

Das klingt vielversprechend – kritische Stimmen warnen aber vor dem Zugriff auf Daten. Wie ist der Zugang zu Big Data in Österreich?

Gerade die COVID-Phase hat uns mit aller Deutlichkeit gezeigt, dass der Zugang zu Daten in Österreich extrem restriktiv ist. Oft bekommen wir zum Beispiel Daten in „vorauseilender“ Sorge um mögliche Datenschutz-Probleme nicht, obwohl es in dem Fall gar keine Datenschutzprobleme gäbe. Hier fehlt oft das Wissen. Wir haben außerdem erfahren müssen, dass viele wichtige Daten gar nicht oder sehr unvollständig erhoben werden. Je unterschiedlicher und besser die Daten sind, umso größer ist der Erkenntnisgewinn, nicht zuletzt in der Prognose von Krankheitsverläufen und der Planung von Gesundheitsstrategien. In beiden Bereichen, Datenfreigabe für die Forschung und Datenerhebung, wäre also viel mehr möglich. Dass eine gut gemachte datengetriebene Forschung zum Wohle der Gesellschaft ist, muss der breiten Öffentlichkeit aber wohl erst verständlich gemacht werden.

Haben Sie die Hoffnung, dass sich durch die COVID-19-Pandemie an dieser Situation etwas ändert?

Ja, ich orte schon einen gewissen Meinungsumschwung und baue darauf, dass mit zunehmendem Wissen über den verantwortungsbewussten Umgang mit Big Data auch das Vertrauen steigt. Das Potenzial wäre jedenfalls enorm.

Zur Person

Mag. Philipp Marxgut ist Jurist und Politikwissenschafter sowie Absolvent der Diplomatischen Akademie in Wien. Seit 2015 leitet er als Generalsekretär den Complexity Science Hub Vienna, der sich der systematischen Komplexitätsforschung widmet. https://www.csh.ac.at/

Schlagworte: Covid-19, Digitalisierung, Gesundheitsdaten
https://fopi.at/wp-content/uploads/2020/12/Philipp-Marxgut-c-Christine-Knoll.jpg 500 500 accelent https://fopi.at/wp-content/uploads/2019/07/FOPI_Logo_quer2-01.svg accelent2020-12-18 12:15:052023-06-19 16:14:29Wir ermöglichen Evidence Based Policy

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Generalsekretärin

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