Die VertreterInnen des FOPI, aber auch die MitarbeiterInnen der FOPI-Mitgliedsunternehmen sind ExpertInnen in ihrem Bereich und haben zu vielen Themen rund um Innovation im Gesundheitssektor eine prononcierte Meinung. In diesem Blog publizieren sie Beiträge, die primär ihre persönliche Meinung widerspiegeln. Im Wesentlichen bilden sie jedoch gleichzeitig die Haltung der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich ab.

Nachhaltigkeit und Pharmaindustrie – ein Widerspruch?

Wolfgang Bonitz (c) Novartis
© Novartis

Sowohl in der Politik als auch in der Werbung wird derzeit von Nachhaltigkeit gesprochen. Keine Plakatwand kommt ohne direkten oder indirekten Hinweis auf das Thema Sustainability aus. Es ist offensichtlich, dass die jüngere Generation erwartet, dass die jetzigen Entscheidungsträger der heutigen Jugend eine ökologisch und gesellschaftlich funktionierende Welt hinterlassen. Die Pharmaindustrie trägt zwar seit ihrer Existenz ganz wesentlich zum gesellschaftlichen Fortschritt bei, wird aber – wie viele andere Industriezweige – dennoch immer wieder mit Umweltverschmutzung und Katastrophen in Verbindung gebracht. Darüber hinaus bringen Themen wie Lieferketten aus der Dritten Welt und Verwicklungen in politische und finanzielle Irrwege die Industrie immer wieder in Verruf. Umso wichtiger ist es deshalb, dass sich die Pharmaindustrie daran gewöhnt und auch aktiv bereit ist, ihren Beitrag zur Ökologie, zu gesellschaftlichen Problemen und zur wirtschaftlichen Gerechtigkeit in der Welt voranzutreiben und darzustellen.

„Die jüngere Generation erwartet, dass die jetzigen Entscheidungsträger der heutigen Jugend eine ökologisch und gesellschaftlich funktionierende Welt hinterlassen.“

Wenn wir erfolgreich über Nachhaltigkeit sprechen wollen, dann sollten wir verstehen, welche Themen damit vordringlich gemeint sind:

Thema 1: Umweltschutz

Der naheliegendste Begriff, der mit Nachhaltigkeit In Verbindung gebracht wird, ist Umweltschutz. Nachdem viele pharmazeutische Unternehmen aus früheren Chemie- und Farbstofffabriken entstanden sind, verbinden große Teile der Öffentlichkeit unsere Industrie mit Bildern von verschmutzten Flüssen und Sondermülldeponien. In Wirklichkeit hat sich aber die pharmazeutische Industrie schon seit den 1970er und 1980er Jahren sehr aktiv um eine Reduktion der Umweltbelastung bemüht. Ein Beispiel dafür ist der nachhaltige Einsatz von Ressourcen: So werden 96 % aller Lösungsmittel bei Novartis mehrmals verwendet – durchschnittlich 25 Mal – bevor sie entsorgt werden[i]. Ebenso liegt der Fokus auf der Reduktion von CO2-Emissionen, wo Sanofi zeigt, dass diese in nur fünf Jahren zu über 27 % verringert werden können[ii]. Aber auch im Bereich der Abwasserreduktion konnten außerordentliche Fortschritte erzielt werden, wie unter anderem Roche beweist: Der Wasserverbrauch pro Mitarbeitenden wurde seit 2015 um über 25 % gesenkt[iii].

SDGs-Sustanable-Development-Goals

Thema 2: Gesellschaftliches Engagement

Die pharmazeutische Industrie hat schon sehr lange eine Vorreiterrolle im Bereich Diversität und Inklusion gespielt. Während in den Führungsetagen der meisten Unternehmen zum größten Teil Männer das Sagen haben, sind die Führungspositionen der großen Pharmaunternehmen zumeist zu gleichen Teilen weiblich besetzt. Laut einer Umfrage unter den FOPI-Mitgliedsunternehmen liegt der Anteil bei 44 %[iv].

„Wenn Nachhaltigkeit in der Pharmaindustrie eine so lange Tradition hat, warum kämpft dann der gesamte Bereich mit einem negativen Image?“

Vielleicht spielt darüber hinaus die Nähe zur Medizin eine Rolle dabei, dass Zugehörigkeit zu Minderheiten oder gesellschaftlich benachteiligten Gruppen kein Hindernis mehr für erfolgreiche Karrieren darstellt. Und während soziales Engagement in anderen Wirtschaftsbereichen manchmal den Beigeschmack von Greenwashing hat, gehört die Unterstützung von Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen (LMICs) seit jeher zu den Grundprinzipien pharmazeutischer Betriebe. Weder der Kampf gegen Malaria noch jener gegen Lepra oder viele parasitäre Erkrankungen wäre ohne die großzügige Unterstützung der forschenden Pharmaindustrie denkbar gewesen.

Thema 3: Corporate Governance

Als strengstens von Behörden regulierte Industrie war für die Forschung im Pharmabereich seit Jahrzehnten absolute Transparenz eine Grundvoraussetzung der Geschäftstätigkeit (s. z.B. FDA GCP Guideline 1972). Aus dieser Grundhaltung heraus verwundert es nicht, dass auch im kommerziellen Sektor schon lange vor der Bankenkrise 2008 strikteste Richtlinien für dem Umgang mit Geschäftspartnern und Stakeholdern ebenso wie absolute Transparenz gegenüber Behörden aber auch der Öffentlichkeit selbstverständlich waren. Diverse Regelwerke wie der EFPIA HCP/HCO Disclosure Code oder der PHARMIG Verhaltenscodex zeugen davon.

Fazit

Es waren pharmazeutische Unternehmen, welche sich Initiativen wie Global Compact und den 17 Sustainable Development Goals als erste angeschlossen bzw. diese vorangetrieben haben. Wenn also – wie die Beispiele zeigen – Umwelt, Soziales und Governance in der pharmazeutischen Industrie derartig fest verankert sind und eine lange Tradition haben, warum kämpft dann der gesamte Bereich mit einem negativen Image? Vielleicht liegt es daran, dass das Selbstverständnis der Industrie dermaßen auf erfolgreiche Forschung und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit basiert, dass der Blick auf diese traditionellen Stärken verloren gegangen ist. Insofern kann die aktuelle Klima- und Umweltdiskussion vielleicht ein guter Anlass sein, sich dessen mehr bewusst zu werden und diese Werte mit Stolz nach außen zu tragen. 

Dr. Wolfgang Bonitz ist Head Corporate Social Responsibility bei Novartis Austria.


[i] Quelle: https://www.novartis.at/ueber-uns/fokus-gesellschaft-umwelt-novartis-definiert-erfolg-neu

[ii] Zeitraum 2015-2020, Quelle: Carbon Footprint Factsheet, April 2021

[iii] Quelle: https://www.roche.com/de/sustainability/environment/our_she_goals_and_performance.htm?tab_id=tab1

[iv] Quelle: FOPI – Forum der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich, 2021

Weitere Blogeinträge:

PatientenvertreterInnen – Laien oder Experten?

von Bernadette Keusch

Wir alle – Forschung, Sozialversicherung, Medizin, Politik und Pharmaindustrie – arbeiten FÜR erkrankte Menschen. Wir alle setzen viel Energie und Engagement ein, um Krankheiten zu behandeln, zu heilen und Lebensqualität zu verbessern. Aber wie können wir noch besser auch MIT Betroffenen arbeiten?

Dieser viel diskutierten Frage hat sich der am 19. März stattgefundene Round Table zum Thema „PatientenvertreterInnen als FachexpertInnen – No-Go oder Notwendigkeit?“ angenommen – ausgehend von einer Umfrage unter PatientenvertreterInnen und LeiterInnen von österreichweit tätigen Patientenorganisationen, durchgeführt im Spätherbst des letzten Jahres. Das Ergebnis zeigt: Patientenorganisationen sehen den Zugang zu ausreichender und konkreter medizinischer Fachinformation als notwendige Basis ihrer Arbeit. Diesen bekommen sie in Österreich aufgrund des Laienwerbeverbots für verschreibungspflichtige Arzneimittel aber nur eingeschränkt oder gar nicht.