RSV bei Säuglingen: Warum Prävention weit über den Schutz des einzelnen Kindes hinausgeht

Für viele Erwachsene bedeutet eine Infektion mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) nicht viel mehr als Schnupfen und Husten. Bei einem wenige Wochen oder Monate alten Baby kann sie jedoch ganz anders verlaufen. Als Kinderärztin erlebe ich, was eine schwere RSV-Erkrankung für Kinder und ihre Familien bedeutet – und welchen Unterschied Prävention heute machen kann.
Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) ist eine Gefahr, die häufig unterschätzt wird. RSV ist eine der wichtigsten Ursachen für schwere Atemwegsinfektionen und Hospitalisierungen bei Säuglingen und insbesondere die häufigste Ursache einer akuten Bronchiolitis. Fast alle Kinder machen innerhalb ihrer ersten beiden Lebensjahre eine RSV-Infektion durch. Eine überstandene Infektion schützt allerdings nicht dauerhaft vor einer neuerlichen Ansteckung. Besonders gefährdet für schwere Verläufe sind sehr junge Säuglinge, ehemalige Frühgeborene und Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen. Aber RSV ist kei-neswegs ausschließlich ein Problem von Risikokindern. Rund 70 Prozent der Kinder, die wegen RSV hospitalisiert werden, sind gesund und reif geboren.
“Das Entscheidende ist: Die meisten Kinder, die wegen RSV ins Krankenhaus müssen, sind nicht vorerkrankt, sondern gesund und reif geboren.”
Warum RSV für Babys so gefährlich sein kann, hat unter anderem mit ihren engen Atemwegen zu tun. Entzündungen und Schleim können sie rasch beeinträchtigen. Warnzeichen sind etwa deutlich schlechteres Trinkverhalten, schnelle oder erschwerte Atmung, Einziehungen am Brustkorb oder eine bläuliche Verfärbung rund um den Mund. Gerade bei jungen Säuglingen kann sich der Zustand innerhalb weniger Stunden verschlechtern. Deshalb gilt: Im Zweifel lieber einmal mehr ärztliche Hilfe suchen.
Wenn aus einer Infektion ein Krankenhausaufenthalt wird
Eine spezifische antivirale Therapie gegen RSV gibt es nicht. Wir können die erkrankten Kinder daher vor allem unterstützend behandeln. Bei schwereren Verläufen müssen Kinder im Krankenhaus überwacht und unterstützt werden – etwa mit Infusionen oder Sauerstoff. In besonders schweren Fällen kann eine maschinelle Beatmung notwendig sein und das Kind über einen Schlauch in der Luftröhre beatmet werden.
Für Eltern ist dieser Wechsel oft schwer vorstellbar: Noch kurz zuvor waren sie mit ihrem Baby zu Hause, wenige Stunden später liegt ihr Kind im Krankenhaus, angeschlossen an Monitore, Infusionen oder eine Atemhilfe. Die meisten Kinder können nach einigen Tagen wieder nach Hause. Bei schweren Verläufen kann der Aufenthalt allerdings deutlich länger dauern.
Damit verändert sich auf einen Schlag das gesamte Familienleben. Körperkontakt und Stillen können erschwert sein. Nicht auf jeder Intensivstation können Eltern über Nacht beim Kind bleiben. Gleichzeitig müssen möglicherweise Geschwister zu Hause betreut werden, Partner:innen müssen Urlaub oder Pflegefreistellung in Anspruch nehmen, gewohnte Abläufe brechen weg. Dazu kommen Sorgen und häufig auch Selbstzweifel der Eltern.
Der Wert von Prävention bemisst sich deshalb nicht allein an vermiedenen Krankenhaustagen. Hinter jeder verhinderten schweren Erkrankung steht möglicherweise eine Familie, der eine enorme emotionale und organisatorische Belastung erspart bleibt.
RSV belastet auch unser Gesundheitssystem
In Österreich geht man jährlich von rund 54.600 RSV-Infektionen1,2 bei Kindern in den ersten Lebensjahren und mehr als 1.100 Krankenhausaufenthalten3 aus. Diese Fälle konzentrieren sich auf jene Monate, in denen Kinderstationen und Ambulanzen durch Atemwegsinfektionen ohnehin besonders gefordert sind.
“RSV belastet unsere Kinderstationen jedes Jahr stark – und wenn gleichzeitig Influenza und andere Atemwegsinfektionen zirkulieren, werden die Betten knapp.”
In einer Untersuchung an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz wurden die RSV-bedingten Krankenhauskosten auf rund zwei Millionen Euro pro Jahr geschätzt. Dazu kommt die Belastung für Ärzt:innen, Pflegekräfte und Ambulanzen. Jede vermeidbare Hospitalisierung schafft deshalb auch Ressourcen für andere akut erkrankte Kinder.
Schutz durch fertige Antikörper
Heute können Säuglinge durch eine passive Immunisierung vor dem Respiratorische Synzytial-Virus geschützt werden. Anders als bei einer klassischen Impfung muss der Kör-per dabei nicht erst selbst eine Immunantwort aufbauen. Dem Baby werden fertige Antikörper verabreicht, die direkt zum Schutz zur Verfügung stehen.
Seit Dezember 2024 ist eine passive RSV-Immunisierung Teil des kostenfreien österreichischen Kinderimpfprogramms. Eine einmalige Gabe bietet Schutz über die Dauer einer RSV-Saison. Im Winterhalbjahr geborene Babys können unmittelbar nach der Geburt im Krankenhaus immunisiert werden. Bei im Frühling oder Sommer geborenen Kindern erfolgt die Immunisierung idealerweise vor Beginn der RSV-Saison bei Kinderärzt:innen.
Die Wirksamkeit ist hoch: RSV-bedingte Krankenhausaufenthalte können um mehr als 80 Prozent reduziert werden. Auch das Sicherheitsprofil ist sehr gut; weltweit wurden bereits mehr als elf Millionen Dosen verabreicht.
„Man kann den Eltern besten Gewissens empfehlen, ihre Kinder immunisieren zu lassen.“
Prävention wirkt doppelt
Für mich zeigt sich gerade bei RSV sehr deutlich, dass Prävention zwei Ebenen hat. Zunächst schützt sie das einzelne Kind und kann einer Familie eine schwere Erkrankung, einen Krankenhausaufenthalt und Tage oder Wochen voller Sorgen ersparen.
Gleichzeitig profitiert die Gesellschaft: Weniger stationäre Aufnahmen bedeuten weniger Druck auf Kinderstationen und Ambulanzen, mehr verfügbare Betten und mehr Zeit des medizinischen Personals für andere Patient:innen. Auch Behandlungskosten können ver-mieden werden.
In Graz konnten wir die Veränderung bereits beobachten. In der vergangenen Saison wurden rund 70 Prozent der Neugeborenen immunisiert4. Erste Auswertungen zeigen bereits einen deutlichen Rückgang RSV-bedingter Hospitalisierungen bei immunisierten Säuglingen. Auch internationale Real-World-Daten bestätigen inzwischen eine deutliche Reduktion von RSV-bedingten Hospitalisierungen nach Einführung der Prophylaxe.
Damit Familien eine informierte Entscheidung treffen können, muss Aufklärung früh beginnen – idealerweise bereits während der Schwangerschaft durch Hebammen und später durch Kinderärzt:innen und Geburtskliniken.
Das gemeinsame Ziel sollte sehr einfach sein: möglichst viele schwere Erkrankungen bei Säuglingen verhindern, Familien Belastungen ersparen und gleichzeitig jene medizinischen Ressourcen schützen, die wir im Winter dringend brauchen.
Univ. FÄ DDr.in Anna Scheuchenegger ist Fachärztin an der klinischen Abteilung für Neonatologie an der MedUni Graz und am LKH Univ.-Klinikum Graz
Dieser Beitrag wird von Sanofi unterstützt.
Quellen
[1] Shi T,et al. Global, regional, and national disease burden estimates of acute lower respiratory infections due to respiratory syncytial virus in young children in 2015: a systematic review and modelling study. The Lancet. 2017 September;390(10098):946–58.
[2] Nair H, et al. Global burden of acute lower respiratory infections due to respiratory syncytial virus in young children: a systematic review and meta-analysis. Lancet. 2010 Mai;375(9725):1545–55.
[4] https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20250128_OTS0004/gesundheitsministerium-erweitert-kostenlose-immunisierung-gegen-rsv
accelent
Martin Hörmandinger