FOPI.flash September 2025

In dieser Ausgabe

analysis-2030261 (Konstantin Kolosov auf Pixabay)
© freepik

Editorial

Focus on Europe – die Antwort auf Donald Trump?

Der internationale Arzneimittelmarkt steht vor grundlegenden Veränderungen. Politische Entscheidungen und regulatorische Initiativen – zuletzt in den USA mit Blick auf internationale Preisreferenzen – verdeutlichen, dass sich globale Preis- und Versorgungsstrukturen verschieben. Der Druck auf internationale Preisgefüge speist sich zum einen aus politischen Maßnahmen, zum anderen aus Anpassungen der Industrie, die auf mögliche Entwicklungen reagieren. Für Europa und Österreich bedeutet dies: weniger Planungssicherheit und eine stärkere Abhängigkeit von externen Faktoren.

Klar ist: Das Marktgefüge ist komplex. Forschung und Entwicklung erfordern hohe Investitionen, die nur dann dauerhaft möglich sind, wenn Planungssicherheit und verlässliche Rahmenbedingungen gewährleistet bleiben. Gleichzeitig wird es für Europa entscheidend sein, die eigene Rolle als Life-Science-Standort zu stärken, um den Zugang zu medizinischen Innovationen auch langfristig sicherzustellen.

Parallel dazu ordnet sich auch das Gesundheitssystem neu: Die Bevölkerung wird älter, Krankheitsbilder komplexer, während Ressourcen knapper werden. Neue Technologien wie die künstliche Intelligenz verändern die Innovationslandschaft maßgeblich.

Veränderungen treten nicht mehr nacheinander auf, sondern gleichzeitig – und verstärken sich gegenseitig. Gerade deshalb brauchen wir eine klare Linie und eine langfristige Strategie.

Der Life-Science-Sektor ist ein zentraler Bestandteil unserer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Grundlage. Ihn zu sichern und weiterzuentwickeln ist entscheidend, damit auch bei tiefgreifenden Veränderungen die Versorgungssicherheit für Patient:innen und der schnelle Zugang zu Innovationen in Europa und Österreich gewährleistet bleibt. Deutschland hat bereits mit einer Life-Science-Strategie vorgelegt – jetzt sind wir am Zug.


Leif Moll, George Tousimis, Ute Van Goethem, Astrid Jankowitsch und Daniela Habith
Präsidium des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI)





© Nino Manuguerra

Interview

Kooperation statt Konfrontation

Um das Gesundheitssystem nachhaltig zum Besseren zu ändern, braucht es nach Meinung von Peter McDonald, Vorsitzender des Dachverbands der Sozialversicherungsträger, „Kooperation statt Konfrontation“ – nicht zuletzt zwischen den Krankenkassen und der Pharmaindustrie. Das hat FOPI zum Anlass genommen und Peter McDonald sowie Leif Moll zum Doppel-Interview gebeten.

Thema: Kostensenkung & Budgetkonsolidierung

Die Bundesregierung arbeitet mit Intensität an einer Budgetkonsolidierung. Dem kann sich insbesondere der (kostenintensive) Gesundheitssektor nicht entziehen.

Herr McDonald, wie ist die Finanzsituation in der Sozialversicherung aktuell? Was sind die Problemfelder, und welche Maßnahmen sind angedacht?
Peter McDonald: Die Finanzlage der Sozialversicherung ist angespannt. Wir sehen mehrere Faktoren, die uns derzeit vor besondere Herausforderungen stellen: ein stagnierendes Wirtschaftswachstum, reduziertere Beitragseinnahmensteigerungen, die demographische Entwicklung mit 50 Prozent über 65-Jährigen in den nächsten 25 Jahren und der begrüßenswerten Pipeline des medizinischen Fortschritts. Das alles bei einer Situation des Fachkräftemangels und einer Reduktion von Menschen im erwerbsfähigen Alter um 300.000 Personen.
Wir haben als Verwaltungsrat der Österreichischen Gesundheitskasse ein Konsolidierungspaket mit dem Ziel beschlossen, in den kommenden Jahren wieder zu einer ausgeglichenen Bilanzierung zu finden. Dazu gehört auch, dass wir mit unseren Vertragspartnern – etwa der Ärztekammer – realistische Vereinbarungen treffen. Dies betrifft unter anderem geringere Einkommenssteigerungen bis zur Erreichung einer Konsolidierung des Systems. In dieser entscheidenden Phase müssen alle ihren Beitrag leisten.
Wichtig und entscheidend für die Verbesserung des Systems ist jedoch, dass wir zugleich in den niedergelassenen Bereich investieren, damit wir die Versorgung unserer Versicherten absichern: Primärversorgung, Digitalisierung, moderne Patient:innenstromlenkung. Wir wollen nicht nur konsolidieren, sondern auch neue Ansätze und moderne Strukturen schaffen. Ich bin überzeugt, dass wir auch stärker auf positive Anreize und Prävention setzen müssen. Anstatt zu bestrafen, sollten wir mehr belohnen – etwa durch Programme, die die Eigenverantwortung und die Gesundheitskompetenz der Menschen fördern. Wenn es uns gelingt, die Gesundheit besser zu erhalten und Krankheiten zu vermeiden, entlastet das am Ende auch unser System. Darüber hinaus arbeiten wir als Sozialversicherung am telemedizinischen Angebot. Wir müssen verstärkt auf Entlastung durch Hilfe zur Selbsthilfe und durch niederschwellige digitale Angebote setzen, um die Ordinationen zu entlasten und wieder mehr Zeit für den einzelnen Patienten zu haben.
Innovative Versorgungskonzepte sind ebenso notwendig wie innovative Medikamente, um einen Beitrag zu leisten. Ein wichtiger Ansatz sind dabei interdisziplinäre Facharztzentren, deren Finanzierung gemeinsam mit den Bundesländern gestemmt werden soll.
Obwohl in der Sozialversicherung 0,8 Prozent der Verschreibungen über 40 Prozent der Kosten pro Jahr ausmachen ist es wichtig, dass auch in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten nicht an der modernen, umfassenden Versorgung der Patient:innen gespart wird.
Basis für alles ist die Erholung der heimischen Betriebe und deren Stärkung. Nur eine robuste Wirtschaft sichert stabile Beitragsgrundlagen und damit die Einnahmen der Sozialversicherung. Zugleich beobachten wir im Gesundheitssystem eine zunehmende Verlagerung in den ambulanten Bereich. Diese Entwicklung ist grundsätzlich positiv, da sie eine leichter zugängliche Versorgung für die Menschen ermöglicht. Sie erfordert jedoch auch entsprechende Anpassungen im System: Die Finanzierung muss konsequent der erbrachten Leistung folgen. Denn es geht darum, das System langfristig auf eine stabile Basis zu stellen, damit Versorgungssicherheit und Spitzenmedizin auch in Zukunft gewährleistet sind.

Welche Rolle spielt dabei die Zusammenarbeit mit der forschenden Pharmaindustrie – insbesondere in Bezug auf Medikamentenpreise, neue Therapien oder Pay-for-Performance-Modelle?
Peter McDonald: Eine enge Zusammenarbeit mit der forschenden Pharmaindustrie ist für uns absolut essenziell, wenn wir die Patientinnen und Patienten in Österreich mit innovativen Medikamenten gut versorgen wollen. Ich glaube, wir können hier durchaus sagen: In Österreich funktioniert das sehr gut. Wir übernehmen im internationalen Vergleich besonders viele neue, innovative Medikamente und auch die Einführung neuer Therapien dauert bei uns kürzer als in vielen anderen Ländern.
Entscheidend ist für uns immer die Frage: Macht eine Therapie wirklich einen Unterschied? Verlängert sie die Überlebensdauer, verbessert sie den Krankheitszustand oder führt sie sogar zu einer Heilung? Wirkung und Kosten müssen stets im Einklang sein, sodass zum einen der Wert von Innovation anerkannt wird, und gleichzeitig die Finanzierung in einem so umfangreichen System wie dem unseren gewährleistet bleibt. ‘Pay for Performance’ ist hier ein Modell, das ich mir gut vorstellen kann. Das bedeutet: Bezahlt wird dann, wenn ein Medikament nachweislich den versprochenen Erfolg auch wirklich bringt. Dafür brauchen wir bessere Daten – etwa durch Diagnosecodierung, Real-World-Daten und eine verbesserte Outcome-Messung. Mit diesen Instrumenten können wir künftig noch bessere evidenzbasierte Entscheidungen treffen, die für Patientinnen und Patienten, für die Industrie und für die Sozialversicherung gleichermaßen tragfähig sind. Ich trete genau dafür ein, durch eine bessere Datennutzung Effizienzen zu steigern. Insbesondere bei der Schaffung von Plattformen für den Austausch von Evidenzdaten hoffen wir sehr auf gute Vorschläge und Initiativen aus der Industrie.

Herr Moll, Sie wollen sich an der Entwicklung von Lösungen konstruktiv einbringen – welche Ideen gibt es seitens der forschenden Pharmaindustrie?
Leif Moll: Natürlich sehen auch wir, dass die finanzielle Situation der Sozialversicherung aktuell angespannt ist. Vor allem die wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahre hat hier zweifelsohne Spuren hinterlassen. Allerdings muss man sagen, dass innovative Medikamente keine nennenswerte budgetäre Herausforderung darstellen: ihr Anteil an den Gesundheitskosten ist stabil, oder sogar leicht rückläufig, speziell wenn man die Rückzahlungen aus Preismodellen berücksichtigt. Wir sehen auch, dass zwar zunehmend hochpreisige Medikamente auf den Markt kommen, deren Wirkmechanismus und Wirksamkeit oftmals an ein Heilversprechen grenzen, damit langfristig aber der Sozialversicherung und der Gesellschaft insgesamt sehr viel Geld sparen, z.B. im Bereich der Zell- und Gentherapien. Solche Versprechen müssen aber auch eingelöst werden, und ich verstehe, dass die Sozialversicherung dieses Risiko nicht alleine tragen will. Wir sind deshalb prinzipiell offen für Risksharing, Pay for Performance und andere innovative Erstattungsmodelle – sofern sie das oftmals transformative Potenzial dieser Innovationen anerkennen und nicht reinen Zusatzrabatten gleichkommen.


Thema: Versorgungssicherheit & Zugang zu innovativen Therapien

Herr McDonald, als Vorsitzender des Dachverbands der Sozialversicherungsträger sind Sie gewissermaßen für die Versicherten in Österreich und deren Versorgungssicherheit verantwortlich. Wie steht es aus Ihrer Sicht um die Versorgungssicherheit der Österreicher:innen, gerade im Hinblick auf den kommenden Winter?
Peter McDonald: Die Versorgungssicherheit hat für uns einen sehr großen Stellenwert. Die Menschen in Österreich brauchen ein starkes und verlässliches System. Aber klar ist auch: Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir dies langfristig aufrechterhalten können. Dazu zählt auch, dass jeder seinen Beitrag leistet und verantwortungsvoll mit den begrenzten Ressourcen unseres Systems umgeht, das kann z.B. auch durch eine aktive Vorsorge sein. Durch eine Optimierung in der Inanspruchnahme des Systems können wir unsere Ressourcen dort einsetzen, wo sie am dringendsten benötigt werden.
Die nachhaltige Versorgungssicherheit muss außerdem gemeinsam mit unseren Partnern in Europa gedacht werden, statt auf Alleingänge zu setzen. Auf europäischer Ebene unterstützen wir Initiativen wie der Critical Medicines Act oder die Einführung von MEAT-Kriterien und Multi-Winner-Tender. Umfassende nationale Lagerhaltung ist teils schwer praktikabel – hier setzen wir auf europäische Modelle, die effizienter und solidarischer sind. Wichtig ist für uns auch das Prinzip ‚Made in Europe‘, aber gleichzeitig gilt: Engpässe haben unterschiedliche Ursachen. Eine One-size-fits-all-Lösung wird es daher nicht geben.

Und wie gut ist aus Ihrer Sicht der Zugang zu innovativen Therapien im niedergelassenen Bereich? Oder anders gefragt: Sehen Sie Optimierungsbedarf beim EKO?
Peter McDonald: Österreich steht im internationalen Vergleich sehr gut da. Neue Therapien kommen bei uns im Allgemeinen zeitnah an – und das Bewertungsboard leistet dabei einen wichtigen Beitrag für das rasche Implementieren von Innovationen. Im intramuralen Bereich ist der Zugang naturgemäß stärker, aber auch im extramuralen Bereich können innovative Therapien verschrieben werden. Die EKO-Verfahren dauern hier in der Regel nicht übermäßig lange, und darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, Innovationen auch außerhalb des EKO-Systems zu bewilligen.
Gleichzeitig wissen wir: Das EKO-Verfahren muss stetig weiterentwickelt werden. Um den niedergelassenen Bereich zu stärken, diskutieren wir etwa über eine eigene Schiene für spezielle innovative Produkte – ein sogenanntes ‘Managed-Entry-Modell‘, bei dem neue Medikamente schrittweise eingeführt werden: zunächst für eine kleine Patientengruppe, später für eine größere. Hier spielen aussagekräftige Performance-Messungen eine zentrale Rolle. Eine verbesserte Datenlage – etwa durch Digitalisierung und umfangreichere Real-World-Daten – wird uns helfen, auch solche Entscheidungen evidenzbasiert zu treffen.
Unsere Grundhaltung ist klar: Innovation muss insbesondere bei nachgewiesenem therapeutischem Nutzen für die Patientinnen und Patienten anerkannt werden. Wir setzen uns für schnellen Zugang ein, für Vertrauen und Planbarkeit für die Industrie – und für ein System, in dem Innovation nicht bestraft, sondern im Sinne der Patientinnen und Patienten ermöglicht und gefördert wird.

Herr Moll, daran anknüpfend: Wie beurteilen Sie den „Access to Innovation“ hierzulande?
Leif Moll: Es ist allgemein bekannt, dass Patientinnen und Patienten im Spitalsbereich in Österreich einen guten und schnellen Zugang zu innovativen Medikamenten haben. Dies gilt es zu verteidigen. Unsere Sicht auf die Verfügbarkeit von Innovationen im niedergelassenen Bereich ist bekanntermaßen etwas kritischer: Je nach Therapiegebiet dauert der Zugang manchmal jahrelang, und die Patient:innen sind zunehmend auf Einzelfallbewilligungen aus der No-box angewiesen, was das Risiko für Ungerechtigkeiten erhöht.
Kopfschmerzen bereiten uns auch die Indikationserweiterungen, also die Zulassung eines Medikaments für zusätzliche Erkrankungen über das ursprünglich abgedeckte Krankheitsbild hinaus. Denn diese Erweiterungen werden nur schleppend in den Erstattungskodex übernommen, weil sich die Sozialversicherung zwingend einen zusätzlichen Rabatt für alle Anwendungsbereiche des Produktes im Gegenzug erwartet. Das ist ein gutes Beispiel für die Bestrafung von Innovation, von der Vorsitzender McDonald gesprochen hat. Insgesamt befinden wir uns beim Zugang im extramuralen Bereich jedenfalls im europäischen Mittelfeld – und nicht an der Spitze, wie oft kolportiert. Es freut uns natürlich, zu hören, dass Entwicklungsbedarf beim EKO gesehen wird und uns das Ziel eines schnellen, planbaren Zugangs verbindet.

Thema: Life Science Standort Österreich

Die Regierung hat sich die Stärkung des Life Science Standorts Österreich auf die Fahne geschrieben. Gleichzeitig sehen wir erheblichen Druck seitens der US-Administration auf die Industrie, was Arzneimittelpreise und Investitionen in den USA anbelangt. Herr McDonald, was wird das unter dem Strich für den Standort Österreich bedeuten?
Peter McDonald: Ich begrüße ausdrücklich, dass die Bundesregierung die Ausarbeitung einer Zukunftsstrategie für Life Sciences und den Pharmastandort Österreich auf die Agenda gesetzt hat. Gerade in Zeiten des steigenden globalen Wettbewerbs ist es wichtig, dass Österreich und Europa sich als Hafen für forschende und innovative Unternehmen positionieren. Programme, die Forscherinnen und Forscher nach Europa holen, sind ein guter Ansatz – gleichzeitig müssen wir aber auch die wirtschaftliche Attraktivität bei Produktion und Marktzugang für bereits ansässige Unternehmen stärken. Dazu zählen auch verlässliche Rahmenbedingungen und Anreize – Entlastungen bei Lohnnebenkosten, wie im Regierungsprogramm vorgesehen, die Umsetzung der angekündigten Senkung der Energiekosten und gezielte Förderungen, etwa für energieintensive Produktionsstätten beim Umstieg auf erneuerbare Energien.
Für uns als Sozialversicherung gilt: Standortpolitik und Gesundheitspolitik müssen enger zusammengedacht werden. Zwar können wir keine klassische Standortförderung übernehmen, doch wir können einen wichtigen Beitrag dazu leisten: schneller Zugang zu Innovation, moderne Versorgung, kontinuierliche Systementwicklung. Unter dem Strich bedeutet das: Wenn wir Forschung, Produktion und Marktzugang strategisch zusammendenken, Österreich als Exzellenzstandort weiterentwickeln und gleichzeitig die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbessern, dann kann Österreich im europäischen Wettbewerb weiter vorne mitspielen – und das kommt am Ende den Patientinnen und Patienten zugute.

Leif Moll: Ich kann dem Gesagten nur hundertprozentig zustimmen! Die Herausforderungen für unseren Standort werden wir nicht mit Ressortdenken oder kurzfristigen Einzelinitiativen adressieren können, sondern nur mit einem ganzheitlichen Ansatz. Wir unterstützen die Regierung jedenfalls aktiv in ihrem Ansinnen, den Life Science Standort Österreich zu stärken. Denn eine solche Standortoffensive würde zur Stärkung der klinischen Forschung, schnellem Patient:innenzugang, höherer Versorgungssicherheit und Schaffung von hochwertigen, zukunftssicheren Arbeitsplätzen führen. Eine solche Initiative ist aber auch dringend nötig. Sollte sich hier nichts bewegen, wird der Standort Europa und auch Österreich im globalen Ringen um Investitionen weiter ins Hintertreffen geraten. Denn jeder Investitionseuro kann nur einmal ausgegeben werden, entweder hier oder anderswo, z.B. in den USA. Wir müssen also an verschiedenen Stellschrauben drehen, von Investitionsanreizen, über Geschwindigkeit des Marktzugangs und Bürokratieabbau bis hin zu Medikamentenpreisen. Denn Fakt ist: So deutliche Preisabschläge wie jene in Österreich gegenüber anderen Ländern weiterhin durchzusetzen, dürfte angesichts der globalen Entwicklungen zukünftig schwerer sein, gerade bei neuen Medikamenten.

Thema: Digitalisierung

Digitalisierung ist eines der Kernvorhaben der Gesundheitsverantwortlichen, um medizinische Leistungen effizienter und wirkungsvoller zu gestalten.

Herr McDonald, welchen Beitrag können eHealth-Anwendungen zu einer besseren Versorgung der Österreicher:innen leisten?
Peter McDonald: eHealth-Anwendungen sind für mich ein entscheidender Hebel, um unsere Versorgung moderner und effizienter zu machen. Wenn wir Patientendaten koordiniert und sicher verfügbar machen, entsteht ein enormer Mehrwert – nicht nur durch gesteigerte Effizienz, sondern auch durch bessere Planbarkeit im Gesundheitssystem. Hier hat Österreich nun in der EHDS-Umsetzung die Möglichkeit, Vorreiter zu sein, Daten zu verknüpfen, nutzbar zu machen und damit auch die Standortattraktivität zu stärken.

Digitale Angebote stärken die Eigenverantwortung und Gesundheitskompetenz der Menschen, während Telemedizin und digitale Patientenpfade besonders bei chronischen Erkrankungen helfen, Ärztinnen und Ärzte zu entlasten und gleichzeitig mehr Sicherheit zu schaffen. Unser Grundsatz lautet dabei klar: digital vor ambulant vor stationär – weil das für Patientinnen und Patienten die niederschwelligste und zugleich effizienteste Form der Versorgung ist.

Durch Ihre Erfahrung als Digital Transformation Lead bei Johnson & Johnson MedTech bringen Sie viel Expertise mit – wie können die Sozialversicherungsträger Innovationen (z. B. digitale Gesundheitslösungen, e-Health) stärker nutzen?
Peter McDonald: Zum Thema digitale Gesundheitsanwendungen arbeiten wir aktuell gemeinsam mit dem Bund und der österreichischen Zulassungsbehörde an einem Projekt im Rahmen der Zielsteuerung. Unser Ziel ist es, bis 2027 ein System zu etablieren, das die digitalen Gesundheitsanwendungen, die bereits auf dem Markt sind, insbesondere im Hinblick auf ihren medizinischen Nutzen evaluiert und den Menschen in Österreich zur Verfügung stellt. Deutschland, Frankreich und Belgien haben e-Health Anwendungen bereits in der Regelversorgung, und auch in Österreich liegen entsprechende Anfragen von Herstellern vor.
Wir dürfen uns dabei aber nicht auf den bisherigen Erfolgen ausruhen – die eCard war ein großer Schritt und ist nun schon 20 Jahre alt, doch ihr volles Potenzial als Basis der digitalen Gesundheitsversorgung wurde bisher nicht ausgeschöpft. Sie muss laufend mit innovativen Anwendungen angereichert werden, so wie wir es bereits beim eRezept oder in der digitalen Bildgebung getan haben. Digitalisierung ist ein Schlüssel, um den Menschen unabhängig vom Ort schnell Hilfe und Orientierung zu geben – sei es durch qualitätsgesicherte Informationen direkt am Handy oder durch einfache Wege, innerhalb kürzester Zeit mit einer Ärztin oder einem Arzt zu sprechen. Gerade bei chronischen Erkrankungen, bei denen viele Gesundheitsberufe zusammenspielen, können digitale Gesundheitsanwendungen und Apps den entscheidenden Unterschied machen: Sie ermöglichen eine langfristig datenbasierte Betreuung, stärken die Eigenverantwortung der Patientinnen und Patienten und liefern zugleich wertvolle Informationen über Behandlungsergebnisse, etwa durch Patient Reported Outcome Measures. International sehen wir, dass das Interesse an solchen Lösungen enorm ist, täglich kommen hunderte neue Gesundheits-Apps auf den Markt – oft aus Regionen mit deutlich geringeren Datenschutzstandards. Österreich und die EU haben hier die Chance, mit sicheren, qualitativ hochwertigen Angeboten Vertrauen zu schaffen und der Bevölkerung einen echten Mehrwert zu bieten. Mein Zielbild ist klar: niederschwellige Hilfe zur Selbsthilfe, rund um die Uhr verfügbar – und wenn es notwendig ist, innerhalb von kurzer Zeit ein Arztgespräch, das konkrete Orientierung gibt.

Könnten ELGA- und E-Medikationsdaten intensiver für Outcome-Evaluierungen genutzt werden?
Peter McDonald: Ja, absolut. Österreich war mit der Einführung der eCard und von ELGA international ein Vorreiter, aber wir haben das volle Potenzial bisher nicht ausgeschöpft und damit Chancen verpasst. Mit dem European Health Data Space haben wir nun die Chance, die vorhandenen Daten nicht nur zur Dokumentation, sondern auch für echte Outcome-Evaluierungen nutzbar zu machen – datenschutzkonform und europaweit verknüpft. Diagnosekodierung, zusätzlich zu generierenden Real-World-Daten und patientengenerierten Informationen, werden die Basis für evidenzbasierte Entscheidungen in der Versorgung sein. Gleichzeitig hoffe ich auf einen engen Austausch mit der Industrie, um klar zu definieren, welche Daten im Alltag tatsächlich nützlich sind.

Herr Moll, wie könnten Sie als forschende Pharmaindustrie diese Daten für eine bessere Patient:innen-Versorgung nutzen?
Leif Moll: Für uns in der forschenden Pharmaindustrie eröffnet die Digitalisierung neue Chancen, um Patient:innen gezielter und wirksamer zu versorgen. Durch die Auswertung von Gesundheitsdaten können Therapien individueller angepasst, Nebenwirkungen frühzeitig erkannt und Forschungsergebnisse schneller in die Praxis überführt werden. Damit dieses Potenzial in Österreich genutzt werden kann, braucht es den Zugang zu qualitätsgesicherten, interoperablen Gesundheitsdaten, klare rechtliche Rahmenbedingungen und eine sichere digitale Infrastruktur. Derzeit fehlt es jedoch oft an einheitlichen Standards, ausreichender Vernetzung und einem praktikablen Zugang zu anonymisierten Daten für Forschung und Innovation. Die skizzierte Richtung ist jedenfalls absolut richtig, und wir sind gerne ein verlässlicher Partner auf diesem Weg.





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Wort des Monats

Wartezeit

für medizinische Innovation.
Die Time to Patient Datenbank von FOPI und PHARMIG bietet einen präzisen Blick auf die Verfügbarkeit von neuen Medikamenten in Österreich. Im Median dauert es 463 Tage bzw. 15,4 Monate bis innovative Therapien im niedergelassenen Bereich bei den Patient:innen ankommen (Kohorte 2020-2023). Diese Wartezeit (von Zulassung bis zur Verfügbarkeit im Erstattungskodex) kann für Menschen mit einem dringenden Bedarf einschneidend sein. Die forschende Pharmaindustrie konnte dazu beitragen, die Produkte schneller in Österreich verfügbar zu machen und schneller die Kostenerstattung zu beantragen. Die von den Kostenträgern für die Aufnahme in den EKO benötigten Fristen sind unverändert geblieben.




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Fakt des Monats

Mehrere Studien belegen den enormen gesellschaftlichen Nutzen von Gesundheit

Investitionen in Innovation und gesundheitspolitische Maßnahmen schaffen nicht nur für Betroffene Mehrwert, sondern auch für die gesamte Volkswirtschaft – das zeigen aktuell gleich mehrere Studien:

  • Eine vom FOPI unterstützte Studie des Instituts für Pharmaökonomische Forschung (IPF) weist anhand mehrerer Indikationen den gesellschaftlichen Mehrwert von pharmazeutischen Innovationen nach. So könnten etwa durch eine um 10 Prozent höhere Immunisierung bei Gürtelrose 56 Mio. Euro in Gesundheit und Volkswirtschaft eingespart werden. Oder eine innovative Therapie bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen würde 50 Mio. Euro Kosten vermeiden. Und noch wichtiger: Neue Behandlungen verlängern das Leben der Patient:innen und steigern Produktivität sowie Lebensqualität. Eine adjuvante immunonkologische Behandlung des Melanoms würde beispielsweise mit einer Investition von nur 271 Euro pro Jahr und Patient:in zusätzlich 3,5 Jahre in guter Lebensqualität bringen. Der positive Effekt auf die österreichische Wirtschaft ist somit nachhaltig und weitreichend.
  • Eine Analyse der Johannes-Kepler-Universität zeigt weiters, dass Investitionen in den Gesundheits- und Pflegebereich in Oberösterreich bis 2030 mit 5,9 Milliarden Euro einen gesellschaftlichen Mehrwert von 7,1 Mrd. Euro generieren. Darüber hinaus entstehen tausende neue Arbeitsplätze – das schafft einen großen Benefit für die Region und ihre Menschen.
  • Am Beispiel von Krebserkrankungen berechnete das Wirtschaftsforschungsinstitut Economica, dass die Kosten in Österreich in 25 Jahren um 63 Prozent steigen werden, vor allem durch verlorene Erwerbsjahre. Eine Lösung sind innovative Vorsorge- und Präventionskonzepte, um langfristig Lebensqualität zu sichern, Kosten zu senken und Erwerbsfähigkeit zu erhalten.

Passend dazu machte auch der Future Talk in Wien mit Fachbeiträgen aus Deutschland, Slowenien und Österreich deutlich: Der Nutzen von innovativen Gesundheitslösungen muss europaweit umfassender betrachtet werden. Investitionen in Gesundheit erfordern einen langfristigen Ansatz. Die Herausforderung liegt darin, kurzfristige Probleme zu lösen und gleichzeitig einen nachhaltigen sozioökonomischen Wert zu schaffen. Fazit: Investitionen in Gesundheit und innovative Therapien sind ein Gewinn für alle – sie stärken die Gesellschaft, fördern die Wirtschaft und verbessern das Leben der Menschen in Österreich.



© 2025_Sanofi_GF AT Michael Kubischik_fc sanofi staprod.ch

Interview

Michael Kubischik – Best Practices für zukunftsfähige Gesundheitssysteme

Für beide Länder verantwortlich, sieht Michael Kubischik, Geschäftsführer Sanofi in Österreich und der Schweiz, großes Potential in einer engeren Zusammenarbeit. Im Interview mit FOPI.Flash beschreibt er seine Idee einer „Alpinen Kooperation“ und warum Innovation belohnt werden sollte.

Sie sind seit weit über 20 Jahren bei Sanofi tätig und seit Frühling auch für Sanofi in Österreich verantwortlich. Was ist Ihr Eindruck vom FOPI nach den ersten Monaten?

Das FOPI beeindruckte mich von Anfang an als starke, professionelle Stimme der forschenden Pharmaindustrie in Österreich. Denn der Verband führt einen konstruktiven Dialog mit allen Stakeholdern und setzt sich wirkungsvoll für einen fairen Zugang zu Innovationen für Patient:innen ein. Gerade jetzt ist das im Sinne der Life Science Strategie von enormer Bedeutung.
Besonders schätze ich dabei das Engagement für evidenzbasierte Gesundheitspolitik. Und es freut mich natürlich zu sehen, dass meine Sanofi-Kollegin Daniela Habith ihre Expertise und ihr Engagement als Vize-Generalsekretärin maßgeblich einbringt, um die Interessen der forschenden Pharmaindustrie in Österreich zu vertreten und voranzubringen.

Neben Österreich sind Sie auch Geschäftsführer für die Schweiz, welches sind für Sie die hervorstechendsten Gemeinsamkeiten oder Unterschiede in den beiden Gesundheitssystemen?

Beide Länder teilen das Bekenntnis zu hochwertiger Gesundheitsversorgung und Innovation. Österreich hat ein solidarisches System, während die Schweiz stärker auf Eigenverantwortung setzt. Die Schweizer Zulassungsbehörde Swissmedic kann durch effiziente Zulassungsverfahren und schnelle wissenschaftliche Bewertungen schnellen Zugang zu innovativen Therapien bieten. Die Erstattungsprozesse sind jedoch in der Regel länger als in Österreich. Beide Länder stehen vor ähnlichen Herausforderungen der Finanzierbarkeit. Als Nachbarstaaten mit ähnlichen Herausforderungen sehe ich großes Potenzial in einer engeren Zusammenarbeit – eine ‚Alpine Kooperation‘ könnte beiden Ländern helfen, voneinander zu lernen und Best Practices für zukunftsfähige Gesundheitssysteme zu entwickeln.

Was sind die Themen in der forschenden pharmazeutischen Industrie, die Ihnen als Neurobiologe am meisten am Herzen liegen?

Vorab: Grundsätzlich ist die Arbeit im Gesundheitswesen für mich eine Leidenschaft, die mich täglich antreibt. Natürlich gehört als Neurobiologe eine Seite meines Herzens den Durchbrüchen in diesem Bereich – von Multipler Sklerose über Alzheimer bis zu seltenen neurologischen Erkrankungen. Die andere Seite schlägt eindeutig für immunologische Erkrankungen. Hier gibt es weiterhin sehr viel unerfüllten therapeutischen Bedarf und wir können bei Sanofi bereits heute wichtige Therapieoptionen anbieten und entwickeln eine außerordentliche Pipeline von first oder best in class Medikamenten.
Doch unabhängig von Indikationen ist eines ganz klar: Präzisionsmedizin und personalisierte Therapien revolutionieren die Behandlung, digitale Biomarker und KI-gestützte Diagnostik eröffnen neue Möglichkeiten für frühe Intervention. Eine große Chance auch für das FOPI mitzugestalten, um das Leben der Patienten entscheidend zu verbessern.

Ihrer Einschätzung nach: Welche Schwerpunkte sollten für ein zukunftsfittes Gesundheitswesen gesetzt werden, damit die Versorgung heimischer Patient:innen mit innovativen Arzneimitteln sichergestellt ist?

Entscheidend sind aus meiner Sicht beschleunigte, aber sichere Zulassungsverfahren, nachhaltige Finanzierungsmodelle, die Innovation belohnen, digitale Gesundheitsinfrastruktur und ein stärkerer Fokus auf Prävention. Darüber hinaus sollten Value-based Healthcare und Real-World-Evidence stärker Erstattungsentscheidungen leiten.


Über Sanofi-Aventis GmbH
Sanofi ist ein forschendes Biopharma-Unternehmen, das KI anwendet und sich dafür einsetzt, das Leben der Menschen zu verbessern und verantwortungsvoll zu wachsen. Wir wollen das Unmögliche möglich machen und die medizinische Praxis durch revolutionäre wissenschaftliche Entdeckungen verändern. Dafür setzt sich unser Team in über 100 Ländern ein und bietet weltweit Millionen von Menschen lebensrettende Impfstoffe und Behandlungsoptionen an. Dabei stehen Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung für uns im Mittelpunkt.




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Podcast

Am Mikro | skop: Akne Inversa – Warum die Diagnose so lange dauert

Akne inversa (auch bekannt als Hidradenitis suppurativa) ist eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung. Noch wenig bekannt und erst seit wenigen Jahren spezifisch behandelbar, hat die Erkrankung für Betroffene nicht nur körperliche, sondern auch psychisch weitreichende Folgen.

Denn der Diagnoseweg ist oft lange und mühsam, die erkrankten Stellen sind schambehaftet und die Behandlung gilt als schwierig. Weshalb das so ist, welche neuen Wege sich am Horizont abzeichnen und warum Innovation dafür ein Schlüssel sein kann – darüber spricht Prim. Priv. Doz. Dr. Christian Posch, PhD, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten und Vorstand der Dermatologischen Abteilung der Kliniken Hietzing und Ottakring sowie Gründer der ersten HS-Ambulanz in Wien in der 40. Folge von „Am Mikro|skop“ mit Moderatorin Martina Rupp. Diese und alle anderen Episoden des Podcasts finden Sie hier: https://fopi.at/fopi-podcast/episode-40/


Am Mikro|skop ist eine Initiative des Fachverbands der Chemischen Industrie Österreichs (FCIO) und des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI). Medienpartner ist MedMEDIA | RELATUS, führender Fachverlag im Gesundheitswesen mit medizinischen und pharmazeutischen Informationen auf dem neuesten Stand der Wissenschaft.
Weitere Informationen und Unterstützung zu Akne Inversa / Hidradenitis suppurativa in der HS-Ambulanz der Klinik Landstraße. Eine Empfehlung ist auch der medinische Podcast von Prim. Priv. Doz. Dr. Christian Posch, PhD „Auflicht – Der Dermatologie Experten Talk“.




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Innovation

Nina hat Multiple Sklerose

Bei Nina wurde mit 17 Jahren Multiple Sklerose diagnostiziert. In dem Video aus der Serie „Wie Innovation mein Leben verändert hat“ erzählt sie, warum sie durch die Erkrankung fast ihren Lebenspartner nicht getroffen hätte und was sie sonst noch in ihrem Leben verpasst hat. Aber sie berichtet auch, welchen unerwarteten Beruf sie inzwischen ausüben kann und dass sie durch ihre innovative Medikation seit über vier Jahren keinen Krankheitsschub mehr erleiden musste. Das sind in ihren Worten „vier gewonnene Jahre, in denen die Behinderung nicht fortgeschritten ist.“
Erfahren Sie hier Ninas Geschichte.