FOPI.flash August 2026
In dieser Ausgabe
- Editorial: Konstruktiver Dialog braucht valide Fakten
- Studie: EcoAustria belegt Wertschöpfung der Pharmaindustrie
- Zusammenarbeit: Ute Van Goethem verstärkt den PHARMIG-Vorstand
- Interview: Frauke Schapmann – Innovation muss schneller in den Versorgungsalltag kommen
- Podcast: Kleinzelliges Lungenkarzinom – wenn Zeit über Therapiechancen entscheidet

Editorial
Konstruktiver Dialog braucht Sachlichkeit und valide Fakten
Fakten statt Polemik ist seit jeher unser Credo. Deshalb ist es uns ein Anliegen, mit der – vom unabhängigen Wirtschaftsforschungsinstitut EcoAustria erstellten – Studie zur gesamtwirtschaftlichen Bedeutung der Pharmaindustrie (zum Leitartikel) eine belastbare Grundlage in den Diskurs einzubringen. Gleichzeitig fordern wir in der kritischen Auseinandersetzung mit den steigenden Ausgaben im Gesundheitsbereich Sachlichkeit und valide Fakten ein.
Die aktuelle Diskussion rund um den Heilmittelreport 2026 des Dachverbands der Sozialversicherungsträger erfordert eine Präzisierung: Wichtige Aspekte werden darin nicht berücksichtigt oder bedürfen einer Kontextualisierung. So umfassen die im Heilmittelreport 2026 ausgewiesenen Heilmittelausgaben von 4,96 Mrd. Euro nicht nur Arzneimittel, sondern auch Zahlungen für magistrale Zubereitungen sowie Großhandels- und Apothekenspannen. Zudem bleiben Rückzahlungen der pharmazeutischen Industrie über sogenannte Preismodelle in Höhe von knapp 600 Mio. Euro unberücksichtigt. Berücksichtigt man diese Faktoren, reduzieren sich die tatsächlichen Ausgaben für Arzneimittel der Industrie auf rund 3,4 Mrd. Euro.
Auch bei der Verfügbarkeit neu zugelassener Arzneimittel zeigt sich ein differenzierteres Bild: Die KWPC-Analyse ‚Time to Patients‘ belegt, dass Österreich hier keineswegs unter den führenden Ländern Europas rangiert. Die vom unabhängigen Consulting-Unternehmen KWPC erstellte Analyse “Time to Patients“ zeigt nachweislich, dass Patient:innen in Österreich 438 Tage auf innovative Medikamente – von der Zulassung bis zur Aufnahme in den Erstattungskodex (EKO) – warten müssen (Neuzulassungen 2021 bis 2024). Zudem gelangen nur 53 Prozent der prinzipiell geeigneten, neuen Arzneimittel in die Regelversorgung. Und satte 93 Prozent der neu aufgenommenen Medikamente unterliegen einem Preismodell, was wiederum die hohen Rückzahlungen von rund 600 Mio. Euro erklärt.
Abgesehen davon, dass die Auseinandersetzung derzeit auf Basis verzerrter Bilder geführt wird, verlieren wir auch den Blick fürs große Ganze. Vor dem Hintergrund globaler Verwerfungen muss es nämlich vielmehr darum gehen, den Zugang zu innovativen Arzneimitteln im Interesse der österreichischen Bevölkerung und der Volksgesundheit nachhaltig abzusichern. Österreich verfügt über exzellente Forschungseinrichtungen, starke medizinische Zentren und eine hervorragende Ausgangsbasis, um auch künftig zu den führenden Ländern beim Zugang zu medizinischer Innovation zu zählen. Durch die gezielte Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen kann diese Position nachhaltig gestärkt und ausgebaut werden. Aber dazu müssen wir uns bekennen, und um das zu erreichen, müssen wir handeln.
Europa und Österreich stehen jetzt vor dieser Entscheidung. Wir sagen: Wir sollten sie im Sinne der Patient:innen treffen.
Ute Van Goethem, Sara Leitão, George Tousimis, Astrid Jankowitsch und Daniela Habith
Präsidium des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI)

Studie
Vorbild für die Industriestrategie 2035
Während Österreich als Industriestandort zunehmend an Bedeutung verliert, kann sich die pharmazeutische Industrie behaupten und Anhaltspunkte dafür liefern, wie die von der Regierung vorgegebene Industriestrategie 2035 erfolgreich umgesetzt werden kann. Das ist das Ergebnis einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstitutes EcoAustria.
Mit der Ende Juli publizierten Studie „Wertschöpfungswirkungen der pharmazeutischen Industrie in Österreich“ des Wirtschaftsforschungsinstituts EcoAustria konnten seit langem wieder belastbare Daten & Fakten zur Bedeutung der Pharmaindustrie vorgelegt werden. Sie zeigen, was diese strategisch wichtige Industrie- und Wissensbranche in und für Österreich auszeichnet – speziell im Hinblick auf ihre hohe Forschungsintensität, überdurchschnittliche Produktivität und starke internationale Verflechtungen.
Großer gesamtwirtschaftlicher Impact
So lag die Wertschöpfung 2024 bei 12,9 Mrd. Euro. Davon entfielen 6,8 Mrd. Euro auf direkte Wirkungen, rund 2,3 Mrd. Euro auf indirekte sowie 3,8 Mrd. Euro auf induzierte Wirkungen. Jeder in der pharmazeutischen Industrie erwirtschaftete Euro schafft rund 1,90 Euro Wertschöpfung in der Gesamtwirtschaft.
Aber auch am Arbeitsmarkt nimmt die pharmazeutische Industrie eine Sonderstellung ein, die rund 91.000 Arbeitsplätze oder 1,9 Prozent aller Beschäftigten sichert. Davon entfallen 25.000 auf direkt Beschäftigte. Weitere 21.000 Arbeitsplätze sind auf indirekte Effekte entlang der Wertschöpfungskette zurückzuführen. Weitere 45.000 Stellen entfallen auf induzierte Effekte – also etwa auf höhere Konsumausgaben. Ein Arbeitsplatz in dieser Branche sichert daher bis zu 3,6 weitere Arbeitsplätze.
Bemerkenswert ist auch die Forschungs- und Entwicklungstätigkeit: Rund 6,5 Prozent der gesamten F&E-Ausgaben der österreichischen Unternehmen sind der Pharma- und Biotech-Branche zuzurechnen, obwohl ihr Anteil am BIP insgesamt bei „nur“ 2,9 Prozent liegt. Damit trägt die Branche überproportional zur heimischen Forschungsleistung bei.
Auch im Außenhandel sticht die Branche hervor: Die Ausfuhren pharmazeutischer Erzeugnisse beliefen sich 2024 auf rund 20 Mrd. Euro und machten damit knapp 10 Prozent aller österreichischen Warenexporte aus. Der Handelsbilanzüberschuss in diesem Bereich hat sich seit 2015 nominell mehr als verdreifacht, von 2,5 Mrd. Euro auf rund 8 Mrd. Euro im Jahr 2024. Die Produktion der pharmazeutischen Industrie stieg von 2015 bis 2024 um 75 Prozent, die gesamte Warenproduktion in Österreich legte im selben Zeitraum nur um 15 Prozent zu.
Immerhin 10,4 Mrd. Euro Wertschöpfung entfallen auf forschende Unternehmen
Heruntergebrochen auf die forschende Pharmaindustrie sind die Zahlen (abgeleitet aus der Studie) ebenso eindrucksvoll: Immerhin 10,4 Mrd. Euro an gesamtwirtschaftlicher Wertschöpfung werden von den forschenden Unternehmen generiert. Und rund 72.000 Menschen sind in Summe in der forschenden pharmazeutischen Industrie beschäftigt (indirekte und induzierte Arbeitsplätze mitgezählt). Die direkt Beschäftigten belaufen sich auf 18.700 Personen.
Rahmenbedingungen müssen passen
Die Studienautor:innen sehen deshalb die Pharmaindustrie als „Vorbild für die Industriestrategie 2035“, in der Life Sciences & Biotech explizit als eine von neun Schlüsseltechnologien genannt wurden. „Wir sehen den schleichenden Verlust an Wettbewerbsfähigkeit des österreichischen Standorts mit großer Sorge“, sagt Mag. Dr. Wolfgang Schwarzbauer, Leiter des Forschungsbereichs regionale Wirtschaftspolitik und Außenwirtschaft. „Die Entwicklung der Pharmaindustrie zeigt aber, dass sich einzelne Branchen diesem Trend zumindest teilweise entziehen können.“
Zwar nehme die pharmazeutische Industrie eine Sonderstellung ein, dennoch lassen sich der Studie zufolge Empfehlungen ableiten. Dazu zählen verlässliche Rahmenbedingungen, etwa bei Forschungsförderung, Genehmigungsverfahren und Produktionsbedingungen.
„Wer die Industriestrategie 2035 ernst nimmt, sollte auf verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen, gezielte Forschungsanreize und wettbewerbsfähige Produktionsbedingungen setzen“, kommentierte Prof. Dr. Monika Köppl-Turyna, Direktorin von EcoAustria, die Ergebnisse der Studie. „Die Pharmabranche zeigt, dass sich Forschungsintensität und industrielle Produktion auch am Standort Österreich verbinden lassen, wenn die Rahmenbedingungen passen.“
Beauftragt wurde die Studie durch den Fachverband der Chemischen Industrie Österreichs (FCIO), das Forum der forschenden pharmazeutischen Industrie (FOPI), den Österreichischen Generikaverband (OEGV) und PHARMIG – Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs.
Alle Details finden sich in der Studie. Die wichtigsten Ergebnisse sind zudem kompakt in einem Factsheet des FOPI zusammengefasst.

Zusammenarbeit
FOPI-Präsidentin verstärkt den PHARMIG-Vorstand
Ute Van Goethem wurde im Juli in den PHARMIG-Vorstand kooptiert und wird auch dort den Anliegen der forschenden pharmazeutische Industrie Gewicht verleihen: „Moderne Gesundheitsversorgung ist ohne innovative Medikamente nicht denkbar. Und Patient:innen mit schweren Erkrankungen warten oft dringend auf neue Therapieoptionen. Trotzdem wird das Umfeld für Innovationen zunehmend schwieriger. Ich freue mich daher, dass ich mich auch in der PHARMIG für die innovativen Unternehmen einsetzen kann.“
Trotz der bereits bestehenden engen Abstimmung der beiden Verbände ermöglicht diese Wahl ein noch näheres Zusammenrücken und damit eine noch stärkere Stimme im Sinne der Patient:innen.

Interview mit Frauke Schapmann
Innovation muss schneller in den Versorgungsalltag kommen
“Wenn die Rahmenbedingungen für Innovation gestärkt werden, profitieren Patient:innen, das Gesundheitssystem und der Standort Österreich gleichermaßen“, ist Frauke Schapmann, General Manager von Biogen für die Schweiz und Österreich, überzeugt. Was sie dabei an der Zusammenarbeit in Österreich schätzt und warum ihr seltene Erkrankungen ein besonderes Anliegen sind, schildert sie im Interview mit dem FOPI.flash.
Nach vielen Jahren in Deutschland, sind Sie seit Mai 2026 als General Manager für die Schweiz und Österreich verantwortlich. Was verbindet die beiden Länder, sodass sie häufig zusammengefasst werden?
Die Schweiz und Österreich verfügen über unterschiedliche Gesundheitssysteme, teilen jedoch eine zentrale Stärke: Beide Länder bieten gute Voraussetzungen für Forschung, Innovation und eine hochwertige medizinische Versorgung. Gleichzeitig stehen sie vor vergleichbaren Herausforderungen, insbesondere wenn es darum geht, wissenschaftliche Fortschritte rasch und nachhaltig zu den Patient:innen zu bringen.
Das zeigt sich besonders bei seltenen Erkrankungen. Weltweit sind rund 7.000 seltene Erkrankungen bekannt. Obwohl jede einzelne selten ist, betreffen sie in beiden Ländern mehrere hunderttausend Menschen und stellen die Gesundheitssysteme vor ähnlich komplexe Herausforderungen – von einer möglichst frühen Diagnose über einen raschen Zugang zu innovativen Therapien bis hin zu einer koordinierten Versorgung über verschiedene Disziplinen hinweg. Um die Versorgung langfristig zu verbessern, braucht es eine enge Zusammenarbeit zwischen allen Akteuren im Gesundheitswesen. Unser gemeinsames Ziel sollte es sein, medizinischen Fortschritt möglichst rasch zu den Menschen zu bringen, die ihn benötigen.
Welches aktuelle Thema im österreichischen Innovations- und Gesundheitsbereich hat für Sie oberste Priorität?
Innovation schneller in den Versorgungsalltag zu bringen – das steht für mich im Zentrum. Österreich verfügt über ausgezeichnete Forschungseinrichtungen und hochqualifizierte medizinische Fachkräfte. Entscheidend ist jedoch, dass neue Erkenntnisse und innovative Therapieansätze möglichst rasch bei den Menschen ankommen, die sie benötigen.
Dafür braucht es ein innovationsfreundliches Umfeld, insbesondere was Forschung, klinische Studien sowie transparente und planbare Zugangs- und Erstattungsprozesse betrifft. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen geopolitischen Entwicklungen wird deutlich, wie wichtig die Rahmenbedingungen für Innovation sind. Wenn diese weiter gestärkt werden, profitieren Patient:innen, das Gesundheitssystem und der Standort Österreich gleichermaßen.
Sie kennen Österreich schon von einer früheren Position bei Biogen – können Sie aus dieser Zeit etwas für Ihre jetzige Aufgabe mitnehmen?
Bereits in meiner früheren Rolle durfte ich mit verschiedenen engagierten Akteur:innen im österreichischen Gesundheitswesen zusammenarbeiten. Besonders beeindruckt hat mich die Bereitschaft zum Dialog und die gemeinsame Suche nach Lösungen für Patient:innen.
Gerade in einem zunehmend komplexen Umfeld entsteht Fortschritt nicht im Alleingang. Vielmehr braucht es ein gut funktionierendes Zusammenspiel zwischen Wissenschaft, Versorgung, Politik, Kostenträgern, Patientenorganisationen und Industrie. Diese Kultur der Zusammenarbeit, die auch das FOPI aktiv fördert, habe ich stets als besondere Stärke erlebt und nehme dies als wertvollen Impuls für meine heutige Aufgabe mit.
Was ist Ihre persönliche Motivation, sich nach vielen Jahren in der innovativen Pharmaindustrie, immer weiter für die Entwicklung neuer Therapien einzusetzen?
Mich motiviert die Möglichkeit, einen konkreten Beitrag für Menschen mit schweren Erkrankungen zu leisten. Hinter jeder medizinischen Innovation stehen Patient:innen, Familien und Angehörige, deren Alltag oft erheblich von einer Erkrankung geprägt wird.
Gerade bei seltenen Erkrankungen sehen wir, wie groß der medizinische Bedarf weiterhin ist. Für viele Betroffene dauert der Weg zu einer Diagnose immer noch sehr lang, und für zahlreiche Erkrankungen stehen noch keine ausreichenden Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung.
Jede neue wissenschaftliche Erkenntnis kann einen echten Unterschied machen. Das gemeinsam mit Partner:innen voranzutreiben und Forschung in konkrete Verbesserungen für Menschen zu übersetzen, motiviert mich bis heute.
Über Biogen
Biogen wurde 1978 in der Schweiz gegründet und zählt heute zu den weltweit führenden Biotechnologie-Unternehmen. Biogen engagiert sich in der Forschung und Entwicklung innovativer Therapien für Menschen mit schweren und komplexen Erkrankungen, insbesondere in den Bereichen Neurologie, seltene Erkrankungen und spezialisierte Immunologie.
Gemeinsam mit Partner:innen aus Wissenschaft, Medizin und Gesundheitswesen arbeitet Biogen daran, medizinischen Fortschritt in konkrete Verbesserungen für Patient:innen zu übersetzen und den Zugang zu innovativen Therapien nachhaltig zu stärken.
Mehr erfahren auf Biogen.at

Podcast
Kleinzelliges Lungenkarzinom: Wenn Zeit über Therapiechancen entscheidet
Lungenkarzinome sind in den deutschsprachigen Ländern die häufigste krebsbedingte Todesursache – das kleinzellige Lungenkarzinom nimmt dabei noch eine Sonderstellung ein. Denn es ist durch eine besonders rasche und frühe Streuung des Tumors charakterisiert. Von dieser besonders aggressiven Tumorart betroffen sind etwa 12-15 Prozent der an Lungenkrebs Erkrankten, für sie ist eine rasche therapeutische Behandlung daher zeitkritisch. Welche Chancen eröffnen sich für diese Patient:innen durch einen frühzeitigen Zugang zu innovativen Therapien?
Moderatorin Martina Rupp spricht in der 47. Folge von „Am Mikro|skop“ mit Dr.in Romana Wass, PhD, Oberärztin an der Tumorambulanz und Mitglied des Tumorboards am Kepler Universitätsklinikum Linz, über ihren Klinik- und Forschungsalltag, in dem Zeit eine große Rolle spielt.
Diese und alle anderen Episoden des Podcasts finden Sie hier: https://fopi.at/fopi-podcast/episode-47/
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