FOPI.flash April 2026

In dieser Ausgabe

© Freepik

Editorial

Wir alle sind früher oder später Patient:innen

Entgegen der verbreiteten Meinung ist Österreich keine „Insel der Seligen“, was den raschen Zugang zu innovativen Therapien anlangt. Vor allem im niedergelassenen Bereich warten heimische Patient:innen mit teils schweren oder gar lebensbedrohlichen Erkrankungen im Schnitt nach der Zulassung mehr als 15 Monate, bis ein neues Medikament für sie im Erstattungskodex (EKO) verfügbar wird. Die unabhängig erstellte Analyse „Time to Patients“ zeigt das in allen Facetten auf, wie gleich im nächsten Beitrag zu lesen ist.

Das ist aus der Sicht von Patientenvertreter:innen, Behandler:innen und uns als forschende Pharmaindustrie eine unhaltbare Situation. Deshalb drängen wir darauf, gemeinsam mit allen relevanten Partnern des Gesundheitssystems konkrete Lösungen zu finden.

Wesentlich scheint uns dabei vor allem eine zeitgemäße Definition von Innovation und eine umfassende Nutzenbewertung unter Berücksichtigung des direkten und indirekten Wirkens für Gesundheitssystem und Gesellschaft. Ebenso wichtig ist die stärkere Einbindung von wissenschaftlichen Fachexpert:innen und Patient:innenperspektiven in den Erstattungsprozess. Und in weiterer Folge sollten auch Punkte wie eine angemessene Preisbildung bei Indikationserweiterungen, mehr Prozesssicherheit sowie bundesweit einheitliche, transparente Kriterien für chef- und kontrollärztliche Bewilligungen diskutiert werden.

All das muss in das übergeordnete – und wohl von niemandem in Frage gestellte – Ziel einzahlen, Menschen mit schweren Erkrankungen die bestmögliche therapeutische Versorgung zukommen zu lassen.

Wir alle sind früher oder später Patient:innen und wollen uns mit Recht auf ein hervorragendes Gesundheitssystem verlassen können. Dazu braucht es jetzt Kooperationsbereitschaft, Out-of-the-Box-Denken und den Willen, übergreifende Lösungen zu entwickeln.

Ute Van Goethem, Sara Leitão, George Tousimis, Astrid Jankowitsch und Daniela Habith
Präsidium des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI)






© Freepik

Analyse

Mehr als 15 Monate Wartezeit auf innovative Medikamente

Bekommen Patient:innen in Österreich rasch innovative Medikamente, die ihr Leben verändern könnten – also ihre Lebensqualität erhöhen und ihre Therapieergebnisse verbessern? Die Analyse „Time to Patients“ zeigt auf, ob und wie schnell Betroffene tatsächlich Zugang zu innovativen Therapien erhalten. Die Ergebnisse der jüngsten Aktualisierung sind teilweise ernüchternd.

Auch wenn der Reformbedarf im österreichischen Gesundheitssystem von kaum jemandem bestritten wird, ist gleichzeitig die Mehrheit der Entscheidungsträger:innen der Überzeugung, dass heimische Patient:innen nach wie vor mit den neuesten Medikamenten behandelt werden. Für den Spitalsbedarf stimmt das auch weitgehend. Im niedergelassenen Bereich tun sich aber bestürzende Lücken auf. Das offenbart eine tiefgehende Analyse, die von FOPI und PHARMIG beauftragt sowie vom unabhängigen Consulting-Unternehmen KWPC durchgeführt wurde.

Sämtliche seit dem Jahr 2015 neu zugelassenen Arzneimittel werden auf Verfügbarkeit, Erstattung, Dauer bis zum Zugang, Verschreibungsbeschränkungen und Hürden bei Indikationserweiterungen untersucht. So gibt die Datenbank „Time to Patients“ nachvollziehbar Auskunft, wo Schwachstellen bestehen.

Verfügbarkeit: 17 Prozent der Innovationen nicht erhältlich

Die Forschung der Pharmaindustrie deckt ein breites Spektrum von Indikationen ab, in denen ein ungedeckter medizinischer Bedarf besteht – von typischen Volkskrankheiten über Krebserkrankungen bis hin zu seltenen Erkrankungen. Doch von 453 im Zeitraum 2015-2025 zugelassenen Innovationen sind 76 nicht erhältlich oder es ist ihre Verfügbarkeit unbekannt. Das bedeutet, dass jedes fünfte neue Arzneimittel nicht den betroffenen Patient:innen zur Verfügung steht. Dieser Trend verursacht Sorge: Denn die Nicht-Verfügbarkeit ist von 14 Prozent (Kohorte 2015-2018) auf 17 Prozent gestiegen (2021-2024).

Erstattung: Nur 53 Prozent der Innovationen in der Regelversorgung

Von den 453 Innovationen wären 242 grundsätzlich geeignet, durch die Kassen erstattet zu werden; die übrigen sind klar im Krankenhaus eingesetzt. Doch bei rund 47 Prozent der neuen Medikamente werden die Kosten nur in „medizinisch begründeten Ausnahmefällen“ mit einer chef- und kontrollärztlichen „Einzelfallbewilligung“ übernommen. Auch hier geht der Trend in die falsche Richtung: Im Zeitraum 2015-2018 betrug der Anteil der Innovationen in der Regelversorgung des Erstattungskodex noch 65 Prozent, zuletzt lag er nur mehr bei 53 Prozent.

Erweiterung auf andere Indikationen: Mehr als die Hälfte nicht übernommen

Bei vielen modernen Medikamenten wird nach der Erstzulassung intensiv daran geforscht, den Wirkmechanismus auch für weitere Anwendungsgebiete bzw. Erkrankungen oder andere Patient:innengruppen zu erschließen. Von 160 solcher Indikationserweiterungen wurden laut „Time to Patients“ jedoch nur 42 Prozent in den Erstattungskodex (EKO) aufgenommen. Die deutliche Mehrheit ist nicht im EKO. Besonders eklatant ist das in der Kinderheilkunde. In dem Bereich wurden drei Viertel nicht im EKO gelistet. Das bedeutet, dass die Kosten der Therapeutika in diesen Fällen grundsätzlich nicht von der Sozialversicherung getragen werden.

Dauer bis zur Verfügbarkeit im EKO: Mehr als 15 Monate

Oftmals wird kolportiert, dass Patient:innen in Österreich rasch Zugang zu neu zugelassenen Medikamenten hätten. Im Median dauert es aber 438 Tage – also 15,4 Monate – bis innovative Therapien im niedergelassenen Bereich bei den Patient:innen ankommen. Bei den Produkten mit der längsten Verfahrensdauer waren es sogar mehr als vier Jahre. Diese Wartezeit (von Zulassung bis zur Kostenübernahme im EKO) kann für Menschen mit einem dringenden Bedarf einschneidend sein. Und: Diese „Time to Patients“ ist zuletzt von 366 Tagen auf 438 Tage weiter angestiegen.

Erstattungshürden: 12 Prozent nur befristet aufgenommen

Ein weiteres Problem: Derzeit haben 12 Prozent der im EKO gelisteten innovativen Medikamente für 2015-2024 nur eine befristete Aufnahme. Das bedeutet, dass bei gut einem Zehntel der neuen Arzneimittel die Patient:innen nicht die Sicherheit haben, ihre Therapien auch in Zukunft zu erhalten.

Fazit: Analyse zeigt Handlungsbedarf auf

„Aus unserer Sicht als forschende Pharmaindustrie wirft das Handlungsbedarf auf“, sagt Mag. Thomas Haslinger, Bristol Myers Squibb, der für das FOPI die Datenanalyse koordiniert. „Wir investieren viel, um Patient:innen neue Therapieoptionen zu eröffnen. Wenn diese die Betroffenen nicht erreichen, ist das kontraproduktiv und für das Gesundheitssystem langfristig auch nachteilig. Innovative Arzneimittel können nicht nur die Krankheitslast der Menschen lindern, sondern sind auch eine Investition in die Volksgesundheit.“

„Deshalb suchen wir das Gespräch, um gemeinsam mit allen Systempartnern Lösungsvorschläge zu entwickeln und so einen raschen und österreichweit einheitlichen Patient:innenzugang zu innovativen Therapien, unter Gewährleistung der ärztlichen Therapiehoheit, sicherzustellen“, unterstreicht Haslinger. Mehr dazu hier. Die Ergebnisse im Detail sind unter diesem Link nachzulesen.




© Martin Hörmandinger

Interview mit Sara Leitão

Österreich hat großes Potenzial – und klar Handlungsbedarf

Im März wurde Sara Leitão, Managing Director bei Johnson & Johnson Innovative Medicine Austria in Wien, zur Vizepräsidentin des FOPI gewählt. Sie komplettiert damit die Verbandsführung rund um Präsidentin Ute Van Goethem und Vizepräsident George Tousimis. Wie sie das FOPI als Speerspitze der forschenden Pharmaindustrie verstärken will, erläutert sie im Interview für FOPI.flash.

Sie wollen Österreich ,zu einem der dynamischsten und sichtbarsten Life‑Science‑Standorte der Welt machen‘. Wie steht unser Land im internationalen Vergleich aktuell da?

Österreich hat grundsätzlich ausgezeichnete Voraussetzungen, um ein führender Life‑Science‑Standort zu sein: starke Wissenschaft, hochqualifizierte Fachkräfte, eine hohe Versorgungsqualität und internationale Vernetzung. Diese Grundlagen werden auch über unsere Grenzen hinweg anerkannt.

Gleichzeitig müssen wir aktuell sehr genau hinschauen. Gerade im Bereich der klinischen Forschung hat Österreich in den letzten Jahren an Dynamik verloren – zwischen 2021 und 2024 ist die Zahl klinischer Studien um rund 28 % zurückgegangen. Das ist deshalb kritisch, weil klinische Forschung ein zentraler Innovations- und Standortmotor ist: Sie stärkt Wissenschaft, Versorgung und internationale Sichtbarkeit gleichermaßen und zieht Investitionen ins Land.

Im internationalen Vergleich zeigt sich daher ein gemischtes Bild: großes Potenzial, aber auch klarer Handlungsbedarf. Andere Länder haben ihre Life‑Science‑Ökosysteme zuletzt konsequenter strategisch weiterentwickelt. Wenn Österreich wieder zu den dynamischsten Standorten zählen will, müssen wir jetzt aktiv gegensteuern.

Was braucht es, um diese Position als einer der dynamischsten Standorte weltweit zu erreichen?

Ein Gesundheitssystem der Zukunft entsteht nur durch ein starkes Zusammenspiel aller Akteur:innen. Innovation braucht ein funktionierendes Ökosystem – aus Politik, Behörden, Sozialversicherung, Wissenschaft, Industrie und der Patient:innen‑Community – und eine gemeinsame Zielrichtung.

Aus meiner Sicht sind vier Punkte zentral: Erstens ein klares politisches Bekenntnis zum Life‑Science‑Standort, idealerweise in Form einer rasch umsetzbaren, ambitionierten Life‑Science‑Strategie mit internationaler Signalwirkung.

Zweitens effizientere, digitalisierte und planbare regulatorische Erstattungsprozesse, die Faktoren wie Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit berücksichtigen. Schnelligkeit und Transparenz sind Schlüsselfaktoren, wenn es darum geht, Innovationen rasch zu Patientinnen und Patienten zu bringen.

Drittens der bessere Zugang zu hochwertigen, sicheren Gesundheitsdaten. Daten sind die Grundlage für klinische Forschung, evidenzbasierte Entscheidungen und die Bewertung von Therapieergebnissen – hier hat Österreich im internationalen Vergleich Aufholbedarf.

Und viertens eine klare, gemeinsame Stimme – auch auf EU‑Ebene –, damit politische Entscheidungen evidenzbasiert, transparent und entlang der tatsächlichen Bedürfnisse der Patient:innen getroffen werden, und damit die EU nicht gegenüber den USA und China weiter ins Hintertreffen gerät.

Wenn Sie unter all den genannten Maßnahmen wählen müssten, was würden Sie als erstes angehen?

Der entscheidende erste Schritt ist ein klarer strategischer Rahmen – in Form einer starken, zukunftsgerichteten Life‑Science‑Strategie mit einem verbindlichen Umsetzungsplan. Sie gibt Orientierung, priorisiert Maßnahmen und schafft vor allem Vertrauen und Planbarkeit. Für internationale Investitions‑ und Forschungsentscheidungen ist entscheidend, ob ein Land Verlässlichkeit und einen langfristigen Innovationskurs signalisiert.

Eine solche Strategie ist auch deshalb wichtig, weil sie ermöglicht, regulatorische Reformen, Digitalisierung und Kooperationen systematisch zusammenzudenken – und damit einen echten Beitrag zur Erreichung der Ziele der österreichischen Industrie‑ und Innovationsstrategie zu leisten.

Als Vizepräsidentin der FOPI setze ich mich dafür ein, die Bundesregierung auf ihrem Weg an die europäische Spitze aktiv zu unterstützen – denn die forschende Pharmaindustrie sieht sich als verlässlicher Partner im österreichischen Gesundheitssystem.

Wie erklären Sie jemand branchenfremdem – sagen wir Ihrem Sitznachbarn auf einer Zugfahrt –warum Österreich eine leistungsfähige Pharmaindustrie benötigt, was sagen Sie?

Weil medizinische Innovation Leben verbessert und gleichzeitig Zukunft sichert. Viele Erkrankungen, die noch vor nicht allzu langer Zeit ein sicheres Todesurteil bedeutet haben, sind heute so gut behandelbar, dass die Menschen mit – und nicht an – diesen Krankheiten sterben.

Pharmazeutische Forschung sorgt dafür, dass Menschen länger im Erwerbsleben aktiv bleiben, weniger Pflegebedarf haben und mit vielen schweren Erkrankungen besser umgehen können. Gleichzeitig ist sie ein entscheidender Faktor für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und gesellschaftliche Stabilität unseres Landes: Pharmaunternehmen bieten hochqualifizierte Arbeitsplätze mit einem überdurchschnittlich hohen Frauenanteil, ziehen internationale Investitionen ins Land und ermöglichen durch klinische Forschung den frühen Zugang zu innovativen Therapien.

Gerade in Zeiten von globaler Disruption und Unsicherheit ist der Staat auf Sektoren angewiesen, die langfristig Stabilität und Wachstum sichern. Innovation in der Medizin ist deshalb kein Kostenfaktor – sie ist eine Investition in Wohlstand, Lebensqualität und wirtschaftliche Resilienz unserer Gesellschaft.

Zur Person

Sara Leitão ist seit dem Jahr 2008 in verschiedensten Positionen für Johnson & Johnson tätig. Nach Abschluss ihres Studiums der Veterinärmedizin hat sie in unterschiedlichen Funktionen und Ländern in den Bereichen Medical & Commercial für Fokusgebiete wie etwa Hämatologie, Onkologie, Neurowissenschaften, Immunologie, Infektionskrankheiten und pulmonale Hypertonie gearbeitet – ausgehend von ihrem Heimatland Portugal über UK, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait, Qatar, Bahrain, Oman, Ostafrika, bis hin zu ihrer letzten Position als Commercial Director in Schweden und Island mit Sitz in Stockholm. Seit März 2025 ist sie Managing Director bei Johnson & Johnson Innovative Medicine Austria in Wien.




© Freepik

Wissen

Spezial-Know-how gefragt

Kommunikation für und im österreichischen Gesundheitssystem zählt zu den spannendsten und vielfältigsten, aber auch kompliziertesten Berufsfeldern. Stringente rechtliche Rahmenbedingungen, etablierte Vorgaben und ein hoher gesellschaftlicher Druck erfordern umfassendes Wissen. Um das Interessierten zu vermitteln, bietet die Österreichische Medienakademie auch heuer wieder den Zertifikatskurs „PR & Corporate Communications im Gesundheitswesen“ an.

Kaum eine Kommunikationsdisziplin ist so stark reglementiert, und in kaum einem Segment ist gleichzeitig der Bedarf an qualitativ hochwertiger Öffentlichkeitsarbeit so hoch. Das haben die letzten Jahre eindrücklich gezeigt. Damit PR-Mitarbeiter:innen aus Gesundheitsorganisationen, sozialen Einrichtungen sowie Unternehmen und öffentlichen Institutionen dafür das Rüstzeug haben, organisiert die Österreichische Medienakademie – unterstützt vom FOPI – auch im Herbst 2026 erneut den Zertifikatskurs „PR & Corporate Communications im Gesundheitswesen“. Dabei wird ein solides Grundwissen mit Vorträgen von hochkarätigen Expert:innen vermittelt. Ziel des Lehrgangs ist es aber auch, den Austausch und die Kontakte zu Stakeholdern aus den verschiedenen Bereichen zu fördern. Mehr Information und alle Details zur Anmeldung unter https://oema.at/seminare/zertifikatskurs-pr-corporate-communication-im-gesundheitswesen/




© accelent/Theo Hertenberger

Innovation

Video: Benno ist seit 35 Jahren HIV-positiv.

„Ohne moderne HIV-Medikamente, würde mein Leben anders aussehen. Ich würde wahrscheinlich gar nicht mehr leben,“ meint Benno, der mit jungen 22 Jahren erfährt, dass er HIV-positiv ist und nur noch zwei Jahre zu leben habe. Das war vor über 35 Jahren. Trotzdem hat die Diagnose sein Leben radikal verändert: Viele Zukunftspläne gab er auf, da er nicht erwartete, sie zu Ende bringen zu können; manche beruflichen Tätigkeiten konnte er wegen seiner HIV-Infektion nicht ausführen – nur einige davon wurden offen kommuniziert.

Ohne innovative Therapien wäre er heute nicht mehr am Leben, da ist sich Benno sicher. Und trotz sich wiederholender Diskriminierungserfahrungen führt er ein gutes Leben. Inzwischen ist seine Tagesdosis an Medikamenten von über 25 Tabletten auf zwei gesunken und durch die wirksame Therapie gilt er auch nicht mehr als ansteckend („UNDETECTABLE = UNTRANSMITTABLE“). Seine ganze Geschichte erzählt er in diesem Video.