FOPI.flash November 2026
In dieser Ausgabe
- Editorial: Schneller Marktzugang ist und muss das Ziel sein
- Analyse: Besorgniserregender Trend
- AHF-NetUp: Gesundheit schafft Wert
- Interview: Kerstin Schorn – Zeit ist für Patient:innen keine abstrakte Größe

Editorial
Schneller Patientenzugang ist und muss das Ziel sein
Ob Patient:innen rasch Zugang zu innovativen Therapien erhalten, entscheidet sich nicht erst nach der Zulassung. Der Wettbewerb um künftige Therapien beginnt lange davor – dort, wo Forschung, Finanzierung und Marktzugang zusammenwirken. Erste Trends und Hinweise verdichten sich, dass neue Medikamente zunehmend langsamer in Österreich auf den Markt kommen und der Anteil der Non-Launches steigt. Lesen Sie dazu die hochaktuelle Analyse auf der Grundlage der “Time-to-Patients“-Datenbank!
Das muss allen Entscheidungsträger:innen im Gesundheitswesen zu denken geben und das Bemühen um gemeinsame, tragfähige Lösungen verstärken. Als forschende Pharmaindustrie ist es unser ureigenstes Interesse, die Zeit zwischen Zulassung und Markteinführung so kurz wie möglich zu gestalten. Die entscheidenden Rahmenbedingungen können aber nur Schulter an Schulter mit allen Systempartner:innen verbessert werden.
Ute Van Goethem, Sara Leitão, George Tousimis, Astrid Jankowitsch und Daniela Habith
Präsidium des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI)

Analyse
Besorgniserregender Trend
Seit Mitte 2025 kommen neu zugelassene Medikamente deutlich langsamer in Österreich auf den Markt. Das lässt sich aus einer aktuellen Analyse der Datenbank „Time to Patients“ ablesen. Wie sehr diese Entwicklung mit geopolitischen Faktoren in Zusammenhang steht, bleibt zu prüfen.
Die von US-Präsident am 12. Mai 2025 unterzeichnete Executive Order 14297 mit dem Titel „Delivering Most-Favored-Nation Prescription Drug Pricing to American Patients“ zählt zu den meistdiskutierten Themen der internationalen Pharmabranche, und viele Expert:innen blicken gespannt auf mögliche Auswirkungen auf die Versorgung europäischer Patient:innen mit innovativen Arzneimitteln.
Fest steht: Preis- und Erstattungsentscheidungen einzelner Länder beeinflussen zunehmend globale Innovations-, Investitions- und Markteinführungsstrategien. Gesundheitspolitik ist längst auch Wirtschafts-, Forschungs- und Standortpolitik.
Noch ist es zu früh, um beobachtbare Trends daran festzumachen, da die meisten politischen Maßnahmen der USA nicht in Kraft sind und die 26 bilateralen Vereinbarungen zwischen der US-Regierung und den Pharmaunternehmen nicht offengelegt wurden. Daher sind relevante Details weitgehend unbekannt. Dementsprechend veröffentlichte auch die EU-Kommission einen beschwichtigenden Bericht, wonach derzeit noch keine merkbaren Einflüsse wahrzunehmen wären. Darüber hinaus lassen sich die beobachteten Markttrends nicht allein durch die US-amerikanische Referenzpreispolitik erklären. Einfluss haben ebenso globale wirtschaftliche Entwicklungen, unternehmerische Strategien, strukturelle Rahmenbedingungen der Arzneimittelmärkte und Veränderungen in anderen wichtigen Märkten, wie beispielsweise in China.
Bemerkenswerte Trends aus „Time to Patients“-Analysen ablesbar
Dennoch lassen sich aus den Analysen „Time to Patients“, die das unabhängige Consulting-Unternehmen KWPC im Auftrag von FOPI & PHARMIG zurückreichend bis 2015 durchführt und in einer Datenbank darstellt, bemerkenswerte Tendenzen ablesen – nämlich insbesondere, was die Markteinführung innovativer Arzneimittel anlangt.
Zum Verständnis: Neben anderen Parametern wird in der Datenbank die Dauer zwischen der Zulassung eines neuen Medikaments durch die EU-Kommission, also dem „Tag 0“, und der Listung im österreichischen Warenverzeichnis dargestellt. Diese Frist gibt somit darüber Auskunft, wie rasch der Launch in Österreich gelingt und wie schnell ein innovatives Produkt für die heimischen Patient:innen verfügbar ist. Der Zeitraum „innerhalb von 90 Tagen“ ist als sehr schnell einzustufen, der Zeitraum „innerhalb von 180 Tagen“ als schnell. Noch keine Aussage ist hier ablesbar, ob und wann Medikamente für die niedergelassene Versorgung in die Regelerstattung des EKO kommen.
Drastischer Rückgang der Launch-Geschwindigkeit
Eine eigens zu dem Thema erstellte, von KWPC geprüfte Auswertung des FOPI zeigt nun einen besorgniserregenden Trend: Während zwischen 2016 und 2024 zwischen 57 und 78 Prozent der neu zugelassenen Arzneimittel innerhalb von 180 Tagen im Warenverzeichnis gelistet wurden, verringerte sich die Launch-Geschwindigkeit nach dem ersten Quartal 2025 merklich. Innerhalb eines Jahres fiel der Anteil von 77 Prozent im Q1/2025 auf 25 Prozent im Q1/2026. Das bedeutet, zuletzt war nur ein Viertel der neu zugelassenen Medikamente für die österreichischen Patient:innen schnell verfügbar.

Nur 26 Prozent der Neuzulassungen innerhalb von 90 Tagen am Markt
Ähnlich die Entwicklung beim kürzeren Beobachtungszeitraum von 90 Tagen: Lag die Launch-Rate zwischen 2015 und 2024 bei durchschnittlich 52 Prozent, fiel sie in den jüngsten auswertbaren vier Quartalen auf rund 26 Prozent. Das heißt, nur 26 Prozent der Neuzulassungen konnte in dieser Frist erfolgreich in Österreich auf den Markt gebracht werden.

Viele Produkte kommen nicht später, sondern gar nicht
Der naheliegende Schluss, dass heimische Patient:innen nun einfach länger warten müssten, ist aber auch nicht zulässig. Im Gegenteil – eine noch tiefergehende Analyse offenbart, dass viele neue Produkte seit 2025 überhaupt nicht mehr gelauncht wurden, jedenfalls nicht bis heute. Der Anteil der nicht in Österreich eingeführten Medikamente, betrachtet neun Monate nach Abschluss des jeweiligen Jahres der Zulassung, erhöhte sich von 25 Prozent im Durchschnitt der Jahre 2022-2024 auf 40 Prozent für die Präparate, die 2025 zugelassen wurden. Selbst wenn manche noch als Nachzügler kommen sollten, ist der Anstieg nicht allein durch geändertes Timing zu erklären.
Zusammenfassend lässt sich daraus ablesen: Viele innovative Arzneimittel kommen nicht nur deutlich später, sondern teilweise gar nicht mehr in Österreich auf den Markt. Am stärksten betroffen sind davon die Therapiegebiete Onkologie, Hämatologie, Immunologie und Stoffwechsel, vor allem in den Bereichen der seltenen Erkrankungen.
Ob diese Entwicklungen kausal mit der Vorgangsweise der US-Administration in Zusammenhang stehen, lässt sich damit nicht belegen. Die Korrelation ist jedoch deutlich erkennbar, und Österreich droht seinen Status als first-wave country zu verlieren.

AHF NetUp
Gesundheit schafft Wert
Beim AHF NetUp am 18. November 2026 diskutiert Moderator Christoph Hörhan mit maßgeblichen Expert:innen aus Wissenschaft, Arbeitnehmer:innen- und Arbeitgeber:innenvertretungen wie medizinischer Fortschritt Menschen und Gesellschaft stärkt.
Gesundheit ist eine wesentliche Grundlage für Lebensqualität, gesellschaftliche Teilhabe und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Allerdings steht das Gesundheitssystem unter Druck, denn Menschen werden älter, der Versorgungsbedarf steigt und die verfügbaren Ressourcen bleiben begrenzt. Oft rücken daher die Kosten für das System Gesundheit in den Vordergrund. Es lohnt sich aber, die Perspektive zu wechseln, und den Wert von Gesundheit in den Fokus zu stellen – für gesunde Menschen, die länger aktiv und selbstbestimmt leben können, für Unternehmen, die auf leistungsfähige Mitarbeiter:innen angewiesen sind, und für die Gesellschaft insgesamt.
Nach einem Impuls von Malina Müller, Head of Health Economics am WifOR Institute, diskutiert Moderator Christoph Hörhan mit
- Helwig Aubauer (Bereichsleiter für Arbeit & Soziales der Industriellenvereinigung),
- Peter Hacker (Amtsführender Wiener Stadtrat für Soziales, Gesundheit und Sport),
- Claudia Neumayer-Stickler (alternierende Vorsitzende im Dachverband der Sozialversicherungsträger),
- Wolfgang Panhölzl (Leiter der Abteilung Sozialversicherung in der Arbeiterkammer Wien) sowie
- Anita Rieder (Leiterin des Zentrums für Public Health, Vizerektorin für Lehre der Medizinischen Universität Wien)
Zentrale Fragen:
- „Wie trägt Gesundheit zu Wohlstand und Zusammenhalt bei?“
- „Was gewinnt Österreich durch medizinischen Fortschritt?“
- „Welche Bedeutung haben Investitionen in Gesundheit für die Zukunft Österreichs?
- „Welche Weichenstellungen braucht ein zukunftsfähiges Gesundheitssystem?“
Mehr Info und alles zur Anmeldung unter: www.austrianhealthforum.at/netups/gesundheit-schafft-wert/

Interview mit Kerstin Schorn
Zeit ist für Patient:innen keine abstrakte Größe
„Es geht um Zeit, die nicht durch vermeidbare Umwege im System verloren gehen darf“, verdeutlicht Kerstin Schorn, Country Head Takeda Pharma Österreich, im Interview mit dem FOPI.flash. Partnerschaftlich müsse daher an mehreren Stellen gleichzeitig angesetzt werden, damit Innovation Patient:innen erreicht: Stärkung der klinischen Forschung in Österreich, partnerschaftliche Gestaltung von Bewertungs- und Erstattungsprozessen und Vereinfachung von Versorgungspfaden.
Sie haben erst vor kurzem die Rolle des Country Head von Takeda Pharma Austria übernommen – sind aber sowohl mit dem Unternehmen als auch mit dem österreichischen Pharma- und Gesundheitsbereich schon seit vielen Jahren vertraut. Was hat sich trotzdem für Sie in den letzten Monaten verändert?
Verändert hat sich vor allem die Perspektive. Ich kenne Takeda, unser Geschäft und das österreichische Gesundheitssystem seit vielen Jahren. In der neuen Rolle trage ich nun die Gesamtverantwortung und muss noch stärker das große Ganze im Blick behalten: unsere Mitarbeitenden, die Bedürfnisse von Patient:innen, die nachhaltige Entwicklung unseres Unternehmens und unseren Beitrag zum Gesundheitssystem. Das ist eine große Verantwortung, aber auch eine echte Chance und eine wahrlich bereichernde Aufgabe. Was gleich geblieben ist, ist meine Überzeugung, dass gute Lösungen im Dialog entstehen. Deshalb höre ich viel zu, stelle Fragen und bringe Menschen zusammen. Ich versuche, Klarheit zu geben in einer Zeit des großen Umbruchs und gleichzeitig Raum zu schaffen, damit unsere Teams ihre Expertise und Ideen einbringen können und ein Umfeld vorfinden, in der sie die beste Version ihrer selbst sein können und gesehen werden – das ist für mich der wesentlichste Erfolgsfaktor. Ein solches Umfeld ermöglicht schnelle Entscheidungen und eine starke menschliche Note – etwas, was mir bei Takeda besonders am Herzen liegt.
Takeda ist eines der größten forschenden Pharmaunternehmen in Österreich, mit einem klaren Bekenntnis zu Innovation. Welche Schwerpunkte wollen Sie in den nächsten Jahren setzen?
Mein Ziel ist, dass wir unsere besondere Stärke in Österreich noch gezielter nutzen: die Verbindung von Forschung, Entwicklung, Produktion und Versorgung. Innovation endet für mich nicht mit der Zulassung eines Arzneimittels. Sie zeigt sich erst dann, wenn sie bei den Patient:innen ankommt und einen spürbaren Unterschied macht. Dafür brauchen wir starke Partnerschaften, verlässliche Rahmenbedingungen und den Mut, Versorgung neu zu denken. Ich möchte Takeda als aktiven Systempartner positionieren: mit innovativen Therapien, aber auch mit neuen Versorgungsmodellen und Kooperationen über Organisationsgrenzen hinweg.
Der Fokus der innovativen pharmazeutischen Industrie liegt auf den Patient:innen. „Und das Kostbarste, was sie nicht haben, ist Zeit“, meinten Sie kürzlich. An welchen Stellschrauben werden Sie drehen, damit für Patient:innen echte Innovation möglich ist?
Zeit ist für Patient:innen keine abstrakte Größe. Es geht um Zeit bis zur Diagnose, Zeit bis zum Start einer wirksamen Therapie und um Lebenszeit, die nicht durch vermeidbare Umwege im System verloren gehen darf. Deshalb müssen wir an mehreren Stellen gleichzeitig ansetzen: klinische Forschung in Österreich stärken, Bewertungs- und Erstattungsprozesse frühzeitig und partnerschaftlich gestalten und Versorgungspfade einfacher machen. Dazu gehört auch, Daten besser zu nutzen und Behandlungen, wo sinnvoll, näher an das Lebensumfeld der Patient:innen zu bringen.
Sie sind Mitbegründerin von HBA Vienna, der Wiener Gruppe der Healthcare Businesswomen’s Association (HBA). Was war und ist Ihre Motivation, sich hier zu engagieren?
Meine Motivation war von Anfang an persönlich geprägt: Als Mutter von zwei Kindern kenne ich die Herausforderungen, Familie und Beruf zu vereinbaren. Mein Mann ist selbstständig, die Großeltern leben zu weit entfernt, um uns im Alltag zu unterstützen. Dabei habe ich selbst erlebt, wie wertvoll Netzwerke, ehrlicher Austausch und Menschen sind, die einem etwas zutrauen. Mit HBA Vienna wollten wir einen Ort schaffen, an dem Frauen im Gesundheitsbereich voneinander lernen, einander sichtbar machen und sich gegenseitig ermutigen, Verantwortung zu übernehmen. Ein Netzwerk ist für mich kein Selbstzweck. Es geht um tragfähige Beziehungen, neue Perspektiven und darum, Türen nicht nur für sich selbst zu öffnen. Vielfalt in Führung verbessert Diskussionen und Entscheidungen. Dafür braucht es Vorbilder, aktive Unterstützer:innen und Strukturen, die Entwicklung ermöglichen. Genau das treibt mich an: Ich möchte ein Umfeld mitgestalten, in dem auch andere Frauen ihre Karriereziele verwirklichen können.
Über Takeda
Takeda ist ein globales biopharmazeutisches Unternehmen mit dem Ziel, die Gesundheit von Menschen zu verbessern und zu einer besseren Zukunft beizutragen. In Österreich arbeiten unsere Mitarbeiter:innen entlang der gesamten pharmazeutischen Wertschöpfungskette und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Versorgung von Patient:innen mit seltenen und komplexen Erkrankungen: von Forschung und Entwicklung über Plasmaaufbringung und Produktion bis hin zu Versorgung und Vertrieb. Über 4.000 Mitarbeiter:innen in vielfältigen Bereichen tragen dazu bei, dass lebenswichtige Medikamente aus Österreich in über 100 Länder weltweit gelangen und Patient:innen in Österreich Zugang zu den innovativen Arzneimitteln von Takeda erhalten. Weitere Informationen unter: https://www.takeda.at
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