Peter Llewellyn-Davies_(c)_BIOTECH AUSTRIA_Martin Steiger_900.jpg

Wir könnten uns gegenseitig unterstützen

Peter Llewellyn-Davies ist CEO von APEIRON Biologics und Präsident des neuen Branchenverbands BIOTECH AUSTRIA. Im Gespräch mit Tuba Albayrak und Wolfgang Kaps unterstreicht er die Bedeutung der Forschung und fordert bessere Rahmenbedingungen, vor allem für die Biotechnologie.

Herr Llewellyn-Davies, Sie haben im Dezember gemeinsam mit Haplogen Bioscience, Hookipa Pharma und Lexogen sowie weiteren Unternehmen und Förderern den Verband BIOTECH AUSTRIA gegründet. Was waren die Beweggründe, einen neuen Verband ins Leben zu rufen?

Peter Llewellyn-Davies: Das ist ganz simpel. In Österreich gibt es mit der PHARMIG einen Verband, der die gesamte pharmazeutische Industrie über alle Segmente hinweg vertritt. Es gibt das FOPI, das die forschenden, international agierenden Pharmaunternehmen repräsentiert. Aber es fehlte eine Branchenvertretung für die heimischen Biotechnologie-Unternehmen. Und diese sind teilweise völlig anders strukturiert und haben gänzlich andere Herausforderungen als die Tochtergesellschaften weltweiter Konzerne. Unsere Mitglieder sind zwar langjährig tätige Unternehmen, aber auch Startups mit großen Ideen aber kleineren Strukturen.

Ihre Mitglieder sind aber nicht nur Startups. Auf der Liste finden sich etwa auch die Erste Bank, KMPG, die Vienna Insurance Group oder spezialisierte Anwälte. Warum das?

Peter Llewellyn-Davies: Wir haben derzeit 22 Biotech-Unternehmen bzw. Service-Provider für Biotech-Unternehmen als ordentliche Mitglieder. Dabei ist wichtig, dass bei diesen Unternehmen die Biotechnologie die Hauptrolle spielt und dass sie ihren Firmensitz in Österreich haben. Ergänzend haben wir – das ist richtig – Fördermitglieder aufgenommen, die die Ziele der Branche unterstützen. So halten wir es für wesentlich, ein besseres Verständnis für die Biotechnologie zu schaffen, wozu eine Kommunikationsagentur ihren Beitrag leistet. Aber auch die langfristige Finanzierung ist ein großes Thema, weshalb es wichtig ist, Banken oder Unternehmensberater an Bord zu haben.

Was wollen Sie erreichen und was kann BIOTECH AUSTRIA im Zusammenspiel mit anderen Institutionen bewirken?

Peter Llewellyn-Davies: Ich will keinen Vergleich anstellen. Wir zielen darauf ab, die Interessen unserer Mitglieder zu vertreten – und das sind vor allem drei Aspekte: Wir möchten die österreichische Biotech-Branche bekannter machen. Wir arbeiten daran, die Rahmenbedingungen für Biotech-Unternehmen zu verbessern. Und wir wollen letztlich dafür sorgen, dass PatientInnen rasch Zugang zu den Innovationen der Biotechnologie bekommen. Das mag auf den ersten Blick austauschbar klingen. Es sind aber sehr spezifische Anliegen. Man darf nicht vergessen: Viele der BIOTECH AUSTRIA-Mitglieder sind mit Forschung & Entwicklung beschäftigt und haben noch nicht die Ressourcen für eine breite Kommerzialisierung ihrer Produkte. Deshalb werden Innovationen oftmals auslizenziert. Unsere Themen lauten daher Forschungsinfrastruktur, Laborflächen, Kollaborationen und nicht zuletzt Finanzierung.

Frau Albayrak, wie kann aus Ihrer Sicht als FOPI-Vertreterin ein zusätzlicher Verband die Anliegen des Sektors stärken? Wo gibt es Schnittstellen?

Tuba Albayrak: Ich denke, die Aktivitäten von uns allen sind wie verschiedene Teile eines Puzzles. Für das große Ganze hat jeder seinen Platz und seine Bedeutung. Und für alle Unternehmen der Pharma- und Biotechnologieindustrie spielen Forschung & Entwicklung, Infrastruktur und das „Ökosystem“, d.h. das Umfeld, eine große Rolle. Schlussendlich geht es uns allen darum, Arzneimittel und Therapien schneller und effizienter zu verbessern sowie das volle Potenzial dieses so kreativen und innovativen Wirtschaftszweigs zu nützen.

Der explizite Fokus auf Forschung verbindet das FOPI und BIOTECH AUSTRIA. Welche Ziele könnten Sie gemeinsam ansteuern? Wo könnten Sie gemeinsam auftreten?

Peter Llewellyn-Davies: Ich meine, wir sollten uns gegenseitig unterstützen. Wir haben zwar unterschiedliche Ausgangspositionen, aber verwandte Interessen. Die großen, international tätigen Konzerne können uns darin unterstützen, ähnliche Rahmenbedingungen zu erhalten wie sie selbst – vor allem von staatlicher Seite. Und wir können mit hoher Motivation, unverbrauchten, unkonventionellen Ideen sowie der Agilität kleiner Einheiten zur Innovationskraft beitragen.

Was sind aktuell aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen für forschende Pharma- bzw. Biotechnologie-Unternehmen in Österreich?

Peter Llewellyn-Davies (lacht): Nun aus meiner Sicht ist das ganz profan. Es gibt nicht genug Geld, um in der Geschwindigkeit zu expandieren, die möglich wäre. Es fehlt an Personal, an Infrastruktur, an Forschungsflächen.

Was ist durch die aktuelle Krise für forschende Pharma- bzw. Biotechnologie-Unternehmen besser geworden?

Peter Llewellyn-Davies: Es gibt plötzlich die Aufmerksamkeit der Allgemeinheit. Vielen war vor der Krise nicht bewusst, dass ein Impfstoff nicht wie Gummischlapfen entwickelt und produziert wird. Jetzt beginnen die Menschen aber zu verstehen, dass es sich um sehr komplexe, lang andauernde Prozesse handelt und dass diese mit hohem Risiko verbunden sind. Das macht es uns leichter, Verständnis für unsere Anliegen zu erreichen.

Wolfgang Kaps: Ich will ergänzen – es hat aber auch im Mindset der Pharmaindustrie eine markante Veränderung gegeben. Die Unternehmen sind heute viel stärker bereit, ins Risiko zu gehen. Auch wenn nur eine vielsprechende Idee am Anfang steht. Dieser Kampf gegen das Virus hat uns bis zu einem Grad geeint.

Tuba Albayrak: Das kann ich nur unterstreichen. Da sind tatsächlich mentale Barrieren gefallen. Dieser neue Geist der Kollaboration ist fantastisch.

Über BIOTECH AUSTRIA
In Österreich ist die Biotechnologie eine der sich am schnellsten entwickelnden Zukunftsbranchen mit hoher Wachstumsdynamik und internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Um die Interessen dieser dynamischen Zukunftsbranche besser vertreten zu können, ist BIOTECH AUSTRIA seit dem 10. Dezember 2020 die spezifische Interessensvertretung der österreichischen Biotechnologiebranche. Die übergeordneten Ziele von BIOTECH AUSTRIA sind die gezielte Bündelung der Interessen der Branche, um mit gewichtiger Stimme in Politik und Gesellschaft aufzutreten, die Verbesserung der Rahmenbedingungen und die Realisierung von Synergieeffekte.  www.biotechaustria.org