Zukunft gestalten – Perspektiven und Herausforderungen für die nächste Generation der Onkolog:innen
Welche Unterstützung brauchen Ärzt:innen in Ausbildung sowie Jung-Fachärzt:innen mit onkologischem Fokus kurz- und mittelfristig, um eine Spitzenversorgung auf wissenschaftlichem und klinischem Niveau zu gewährleisten und die Onkologie als attraktiven sowie sinnstiftenden Arbeitsbereich zu erhalten?
Dieser Frage widmeten sich Onkolog:innen der Next Generation in einem Workshop der FOPI Oncology Platform unter der Mentorenschaft von Christoph Grimm, Irina Tsibulak und Arschang Valipour im Mai 2026. Ziel war es, im Dialog und in interaktiven Workshops zentrale Themenfelder zu erarbeiten, um zukunftsweisende Antworten auf die Herausforderungen des österreichischen Gesundheitssystems wie auch des internationalen wissenschaftlichen Ökosystems zu finden.
Moderiert und inspiriert wurde der Workshop von Matthias Strolz.

Ergebnisse
Der Austausch im Rahmen der Workshops verdeutlicht ein eindrucksvolles Bild: Die nächste Generation der Onkolog:innen zeichnet sich durch eine außerordentlich hohe intrinsische Motivation, fachliche Begeisterung und den klaren Wunsch aus, die Versorgung von Patient:innen auf höchstem Niveau aktiv mitzugestalten. Damit dieses Potenzial im modernen Klinik- und Forschungsalltag voll zur Entfaltung kommen kann, braucht es zukunftsfähige Rahmenbedingungen. Aus den interaktiven Diskurssessions haben sich vier zentrale Handlungsfelder ergeben:
1. Modernisierung der Arbeitskultur & nachhaltige Vereinbarkeit
- Herausforderung: Bisherige Klinikstrukturen stoßen bei der Vereinbarkeit von Familie, Klinik und Forschung an ihre Grenzen. Reduzierte Arbeitszeitmodelle werden von jungen Ärzt:innen häufig als Schutzschirm genutzt, führen in der Praxis jedoch oft dennoch zu Vollzeitbelastungen. Gleichzeitig besteht der Wunsch, starre Präsenzkulturen aufzubrechen.
- Perspektiven & Lösungsansätze:
- Kulturwandel gestalten: Etablierung einer gesundheitsfördernden Führungskultur, die das Setzen von Grenzen respektiert und flexible Lebensmodelle chancengleich fördert.
- Zeitgemäße Flexibilität: Konsequente Nutzung digitaler Möglichkeiten (z. B. Homeoffice für administrative Tätigkeiten und Forschungsaufgaben) sowie Einführung modularer Arbeitszeit- und Gleitzeitmodelle.
- Vorausschauende Personalplanung: Einberechnung struktureller Puffer für Betreuungspflichten, Karenzen und Forschungszeiten in die Stellenpläne.
2. Gezielte Stärkung der klinischen Forschung & Infrastruktur
- Herausforderung: Der Wunsch, wissenschaftlich tätig zu sein und eigene Studien (IITs) umzusetzen, ist enorm hoch. In der Realität erfolgt Forschung jedoch meist als unbezahlter Zusatzaufwand in der Freizeit, da vertragliche Forschungszeiten im Klinikbetrieb aufgebraucht werden und administrative Hürden hoch sind.
- Perspektiven & Lösungsansätze:
- Echt geschützte Forschungszeit: Einführung verbindlicher, strukturierter Modelle für Forschungszeiten (Dedicated Research Time) mit verlässlicher Vertretung im Dienstplan.
- Entlastung durch Infrastruktur: Aufbau und Finanzierung professioneller Forschungsstrukturen (z. B. Study Nurses, Data Scientists) zur Befreiung der Ärzt:innen von manueller Datenerfassung.
- Zentralisierung & Mentoring: Einrichtung zentraler Servicestellen (z. B. Single Entry Points für Ethik und Verträge) zur Entbürokratisierung sowie Schaffung transparenter Entfaltungsmöglichkeiten für junge Forscher:innen (z. B. als Principal Investigators).
3. Neuausrichtung der Fortbildung: Fokus auf Praxisnähe & Grundlagen
- Herausforderung: Nach der Pandemie trifft eine Flut an digitalen Formaten und komplexen Studiendaten auf eine verständliche digitale Ermüdung im Alltag. Was Nachwuchsärzt:innen im klinischen Alltagsgeschäft am stärksten fehlt, ist die strukturierte Vermittlung von Basiswissen (z. B. Supportivtherapie, Dosisanpassungen, Nebenwirkungsmanagement) sowie leistbare Hand-on-Kurse.
- Perspektiven & Lösungsansätze:
- Wertschätzender Wissenstransfer: Ausbau interner Mentoring-Konzepte, um das Expertenwissen erfahrener Kolleg:innen strukturiert an den Nachwuchs weiterzugeben.
- Interaktive Präsenzformate: Bevorzugung von kleinteiligen, persönlichen Austauschformaten (z. B. interdisziplinäre Roundtables) vor reinen Wissens-Webinaren.
- „Back-to-Basics“-Fokus: Ausrichtung von Fortbildungsinhalten auf praxistaugliche Grundlagen und Alltagskompetenzen.
- Förderung praktischer Skills: Bereitstellung von Stipendien und gezielter finanzieller Unterstützung für kostenintensive, praxisnahe Schulungen.
4. Die Pharmaindustrie als neutraler Vernetzer & Wegbereiter
- Herausforderung: Unangemeldete Besuche im dichten Klinikalltag und rein produktbezogene Anfragen werden als Belastung empfunden und erzeugen unerwünschten Druck.
- Perspektiven & Lösungsansätze:
- Agnostische Netzwerkkatalysatoren: Die Industrie kann einen wertvollen Beitrag leisten, indem sie als neutraler Vermittler auftritt, Nachwuchsforscher:innen standortübergreifend vernetzt und Kooperationen zur Bündelung von Patientenzahlen ermöglicht.
- Bündelung über Fachgesellschaften: Die Kommunikation von Bildungsangeboten und Förderungen sollte primär gebündelt, transparent und in Kooperation mit medizinischen Fachgesellschaften erfolgen.
- Smarte Alltagshilfen & Grants: Unterstützung durch die Bereitstellung praxisrelevanter digitaler Tools (z. B. Leitlinien- oder Dosierungs-Apps) sowie unbürokratische Klein-Grants für Forschungsprojekte und Publikationen.
5. Gesundheits- und entlastungspolitische Rahmenbedingungen
- Herausforderung: Das Fehlen einer effizienten Steuerung von Patientenströmen führt dazu, dass Spezial- und Universitätsambulanzen mit Fällen überlastet werden, die primärversorgend behandelt werden könnten.
- Perspektiven & Lösungsansätze:
- Strukturierte Patientensteuerung: Etablierung verbindlicher Triage-Systeme an den Zugängen von Schwerpunktambulanzen, um ärztliche Ressourcen gezielt für schwerstkranke Patient:innen und komplexe Krebstherapien freizuhalten.
FOPI Oncology Platform Ergebnisbericht (DE)
FOPI Oncology Platform Ergebnisbericht (EN)

accelent
accelent