Therapeutische Medikamente gegen COVID-19 – „Repurposing“ als Lösungsansatz

Alle Schutzmaßnahmen und Vorkehrungen, die im Kampf gegen COVID-19 weltweit von Gesundheitsbehörden getroffen werden, sind nur eine Überbrückung bis zur eigentlichen Lösung – bis nämlich Impfungen und/oder Medikamente gegen die COVID-19-Erkrankung entwickelt werden. Im Fokus stehen dabei zunächst Medikamente, die bereits für andere Erkrankungen zugelassen sind und „umfunktioniert“ werden könnten (das so genannte „Repurposing“).

Die Entwicklung von Impfstoffen gegen das neue Coronavirus geht zwar mit nie gekannter Geschwindigkeit voran, und es sind so viele Kooperationen zwischen Unternehmen und Forschungszentren entstanden sind wie noch selten zuvor. Aber es ist dennoch unwahrscheinlich, dass innerhalb der nächsten Monate Wirkstoffe für Massenimpfungen verfügbar sind. Deshalb richten sich die Hoffnungen der Wissenschaft darauf, dass es schneller gelingt, Medikamente zur Behandlung bereits Infizierter zu finden. Im Fokus stehen insbesondere Arzneimittel, die schon gegen eine andere Krankheit zugelassen oder zumindest in Entwicklung sind. Sie umzufunktionieren kann schneller gelingen als eine grundständige Neuentwicklung. PharmaforscherInnen sprechen von einem “Repurposing” der Medikamente. Bei COVID-19 gehören diese Medikamente meist zu einer der folgenden vier Gruppen[i]:

  • Antivirale Medikamente, die ursprünglich gegen HIV, Ebola, Hepatitis C, Grippe, SARS oder MERS (zwei von anderen Coronaviren-Krankheiten) entwickelt wurden. Sie sollen die Vermehrung der Viren blockieren oder verhindern, dass sie in Lungenzellen eindringen.
  • Immunmodulatoren, die z. B. gegen Rheumatoide Arthritis oder entzündliche Darmerkrankungen entwickelt wurden. Sie sollen bei schwerem Lungenbefall die Abwehrreaktionen des Körpers so begrenzen, dass diese nicht noch mehr Schaden anrichten als die Viren selbst.
  • für Lungenerkrankungen, die z. B. gegen idiopathische Lungenfibrose entwickelt wurden. Sie sollen verhindern, dass die Lunge der Patienten das Blut nicht mehr mit genug Sauerstoff versorgen kann.
  • Herz-Kreislauf-Medikamente, die z. B. gegen Blutgerinnsel oder Herz-Rhythmus-Störungen entwickelt wurden. Sie sollen Komplikationen durch eine COVID-19-Erkrankung verhindern.

Außerdem wird Konvaleszenten-Plasma untersucht: (Re-)Konvaleszenzplasma ist Plasma, das von PatientInnen gewonnen wird, die sich von einer COVID-19 Erkrankung bereits erholt haben, und kann an PatientInnen abgegeben werden, die an COVID-19 neu erkrankt sind. Es kann auch zur Herstellung von Immunglobulinkonzentraten verwendet werden. Die mögliche Erklärung für eine Wirksamkeit ist, dass die Antikörper aus dem Konvaleszenzplasma das Immunsystem des/der Erkrankten aktivieren könnten. Plasmaprodukte werden derzeit in 42 klinischen Studien getestet, wovon 26 RCTs sind. Die meisten Studien sind noch im Stadium der Rekrutierung. Erste Ergebnisse sind Ende 2020 zu erwarten. [ii]

Bei den Therapien für PatientInnen mit COVID-19 ist zwischen zielgerichteten Therapeutika (antivirale Medikamente) und intensivmedizinischen Therapieansätzen (supportive care) zu unterscheiden. Zielgerichtete Therapeutika richten sich gegen virale oder auch humane Proteine oder zelluläre Prozesse, mit dem Ziel, den Vermehrungszyklus des Virus (Eindringen in die Zellen, Replikation in den

Zellen, Freisetzung aus den Zellen) zu blockieren. Immunreaktionen sind bei Infizierten grundsätzlich erwünscht; sie dürfen nur nicht so exzessiv ausfallen, dass sie in der Lunge mehr Schaden anrichten als helfen. Deshalb sollen in mehreren Projekten überschießende Immunreaktionen bei schwer Erkrankten gedämpft werden.[iii]

Insgesamt werden laut IFPMA mit Bezug auf die WHO weltweit mehr als 130 Wirkstoffe auf ihre Eignung als Therapeutikum untersucht.[iv] Etwa die Hälfte sind dabei für andere Krankheiten entwickelt worden, die andere Hälfte sind neue Entwicklungen.

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[i] Quelle: vfa. Die forschenden Pharmaunternehmen | www.vfa.de

[ii] Quelle: AIHTA | Covid-19 HSS/ Horizon Scanning  Living Document V03 June 2020

[iii] Quelle: AIHTA | Covid-19 HSS/ Horizon Scanning  Living Document V03 June 2020

[iv] Quelle: IFPMA International Federation of Pharmaceutical Manufacturers & Associations; IFPMA