Therapeutische Medikamente gegen COVID-19 – Dämpfende Immunmodulatoren

Eine weitere Gruppe an Medikamente, die eigentlich für andere Erkrankungen entwickelt wurden und deren Eignung nun für COVID-19 untersucht wird (“Repurposing”), sind dämpfende Immunmodulatoren. Sie wurden z. B. gegen Rheumatoide Arthritis oder entzündliche Darmerkrankungen entwickelt und sollen bei schwerem Lungenbefall die Abwehrreaktionen des Körpers so begrenzen, dass diese nicht noch mehr Schaden anrichten als die Viren selbst.

Ein Überblick über einige Projekte (der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt)[i],[ii]

  • Sarilumab ist ein humaner monoklonaler Antikörper gegen den Interleukin-6-Rezeptor, der von der EMA zur Behandlung rheumatoider Arthritis zugelassen wurde. Der Wirkstoff wird derzeit in 12 klinischen Studien auf seine Wirkung bei COVID-19 untersucht – u.a. in Deutschland, Italien, Spanien, Frankreich, Russland, Kanada und den USA. Erste Ergebnisse sind frühestens 2021 zu erwarten.[iii]
  • Tocilizumab ist ein weiterer monoklonaler Antikörper, der auf den Interleukin-6-Rezeptor abzielt und ebenfalls u.a. für rheumatoide Arthritis zugelassen ist[iv]. Erste Ergebnisse einer unkontrollierten, retrospektiven Studie mit 20 PatientInnen mit schwerer COVID-19-Erkrankung und erhöhten IL-6-Spiegeln liegen vor. 16 klinische Studien sind im Laufen oder geplant. Mit Ergebnissen wird Mitte 2020 gerechnet[v].
  • Sìltuximab ist ein dritter, direkt gegen Interleukin-6 gerichteter Wirkstoff. Er ist zur Behandlung der multizentrischen Castleman-Krankheit (eine Form von Lymphknotentumoren) zugelassen und wird in einer Studie auf seine Eignung erprobt[vi].

Weiters befinden sich folgende Projekte in einem frühen Stadium[vii]:

  • Für den Immunmodulator Canakinumab (einem Interleukin-1-beta-Blocker) ist eine Studie in Frankreich, Spanien, Deutschland, Italien, Spanien, UK und in den USA geplant. Das Medikament ist zur Behandlung mehrerer Autoimmunkrankeiten und Gichtarthrititis zugelassen.
  • GSK will seinen Immunmodulator Otilimab in einer Studie erproben. Das Medikament wird derzeit in Phase-III-Studien für die Therapie von Rheumatoider Arthritis erprobt, hat aber noch keine Zulassung.
  • Chinesische Mediziner erproben ferner den Immunmodulator Fingolimod. Dieses Medikament ist gegen Multiple Sklerose zugelassen.
  • In Schweden ist die Erprobung der Immunmodulatoren Anakinra und Emapalumab in einer klinischen Studie geplant. Anakinra ist für rheumatoide Arthritis und die Entzündungskrankheiten CAPS(1) und Still-Syndrom zugelassen; Emapalumab hat in den USA eine Zulassung gegen die Entzündungskrankheit Hämophagozytische Lymphohistiozytose.
  • Ein deutsches Unternehmen entwickelt derzeit das immunmodulatorische Medikament IFX-1 für die Behandlung verschiedener Entzündungskrankheiten. Nun wird in einer Studie in den Niederlanden geprüft, ob es auch an COVID-19 Erkrankten helfen kann.
  • Ein Unternehmen wie auch die Universität Cambridge (UK) erproben einen weiteren C5a-Inhibitor bei COVID-19-Patienten mit schwerer Lungenentzündung: Ravulizumab. Zugelassen ist das Medikament zur Behandlung der paroxysmalen nächtlichen Hämoglobinurie (PNH). An ähnlicher Stelle greift der C3-Inhibitor AMY-101 ins Komplementsystem ein. Er wird ebenfalls bei COVID-19-Patienten mit schwerer Lungenentzündung erprobt.
  • Der Januskinas-Inhibitor Baricitinib wird in einer Studie für stationär behandelte COVID-19-Patienten untersucht; er ist bisher gegen rheumatoide Arthritis zugelassen. Analog wird auch der Januskinase-Inhibitor Ruxolitinib als vielversprechend eingestuft, um überschießende Immunreaktionen zu dämpfen. Studien mit COVID-19-Patienten laufen. Zugelassen ist Ruxolitinib allerdings zur Behandlung bestimmter Krebsarten.
  • Ebenfalls als Krebsmedikament in Entwicklung ist Opaganib. Dieser Sphingosinkinase-2 (SK2)-Inhibitor hat in vorklinischen Studien eine entzündungshemmende, aber auch eine antivirale Wirkungen gezeigt. Das könnte für die Behandlung einer COVID-19-bedingten Lungenentzündung hilfreich sein. Das Medikament wurde in Italien über ein Härtefallprogramm verfügbar gemacht und soll auf seine Eignung erprobt werden.
  • Und auch Acalabrutinib, ein Brutontyrosinkinase-Inhibitor, wurde für die Krebstherapie entwickelt und hat eine Zulassung zur Therapie bestimmter Leukämien in den USA. Nun wird seine Wirkung auf überschießende Immunreaktionen bei COVID-19 analysiert.
  • In Kanada wird in einer klinischen Studie Colchicin als Mittel gegen überschießende Immunreaktionen erprobt, geleitet vom Montreal Heart Institute. Das Mittel ist zugelassen gegen Gicht (und in manchen Ländern auch gegen Herzbeutelentzündung).
  • In UK wird auch Dexamethason, ein Cortison-Derivat mit bekannter antientzündlicher Wirkung, zur Dämpfung der Immunreaktionen bei Covid-19-Patienten erprobt.
  • Im weiteren Sinne kann man auch Natriummetaarsenit (NaAsO2) zu den Immunmodulatoren zählen, denn es dämpft die Produktion bestimmter Botenstoffe des Immunsystems (den Cytokinen), die intensive Immunreaktionen auslösen können. Ein südkoreanisches Unternehmen hat damit ein Medikament gegen tumorassoziierte Schmerzen entwickelt (Projektname PAX-1-001). Nun hat es klinische Studien zur Erprobung des Medikaments bei Covid-19-Patienten beantragt.

Laufende Updates zu den Projekten liefert u.a. der Tracker des US-amerikanischen Milken Institute[viii]

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[i] Quelle: vfa. Die forschenden Pharmaunternehmen | www.vfa.de

[ii] Quelle: AIHTA | Covid-19 HSS/ Horizon Scanning Living Document V03 Juni 2020

[iii] Quelle: AIHTA | Covid-19 HSS/ Horizon Scanning Living Document V03 Juni 2020

[iv] Quelle: AIHTA | Covid-19 HSS/ Horizon Scanning Living Document V03 Juni 2020

[v] Quelle: AIHTA | Covid-19 HSS/ Horizon Scanning Living Document V03 Juni 2020

[vi] Quelle: vfa. Die forschenden Pharmaunternehmen | www.vfa.de

[vii] Quelle: vfa. Die forschenden Pharmaunternehmen | www.vfa.de

[viii] Quelle: Milken Institute | COVID-19 Treatment and Vaccine Tracker