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Therapeutische Medikamente gegen COVID-19 – Dämpfende Immunmodulatoren

Eine weitere Gruppe an Medikamente, die eigentlich für andere Erkrankungen entwickelt wurden und deren Eignung nun für COVID-19 untersucht wird (“Repurposing”), sind dämpfende Immunmodulatoren. Sie wurden z. B. gegen Rheumatoide Arthritis oder entzündliche Darmerkrankungen entwickelt und sollen bei schwerem Lungenbefall die Abwehrreaktionen des Körpers so begrenzen, dass diese nicht noch mehr Schaden anrichten als die Viren selbst.

Ein Überblick über einige Projekte (der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt)[i]

  • Siltuximab ist ein direkt gegen Interleukin-6 gerichteter Wirkstoff. Er ist zur Behandlung der multizentrischen Castleman-Krankheit (eine Form von Lymphknotentumoren) zugelassen und wird in einer Studie auf seine Eignung erprobt[ii].
  • Tocilizumab behandelt wurden: In manchen wurden weniger Patienten beatmungspflichtig oder starben, andere Studien konnten diesen Vorteil jedoch nicht finden. Eine Studie mit schwerkranken Patienten fand wiederum eine Senkung der Lebensgefahr.
  • Für den Immunmodulator Canakinumab (einem Interleukin-1-beta-Blocker) wird eine Studie in vielen Ländern, u.a. auch in Deutschland, durchgeführt. Das Medikament ist zur Behandlung mehrerer Autoimmunkrankeiten und Gichtarthrititis zugelassen.
  • Weiters wird der Immunmodulator Otilimab in einer Studie erprobt. Das Medikament wurde für die Therapie von Rheumatoider Arthritis erprobt, hat aber noch keine Zulassung.
  • Ein deutsches Unternehmen entwickelt derzeit das immunmodulatorische Medikament IFX-1 für die Behandlung verschiedener Entzündungskrankheiten. Nun wird in einer Studie der Phase III seit September 2020 in den Niederlanden, Deutschland und Peru geprüft, ob es auch an COVID-19 Erkrankten helfen kann.
  • Ein Unternehmen wie auch die Universität Cambridge (UK) erproben einen weiteren C5a-Inhibitor bei COVID-19-Patienten mit schwerer Lungenentzündung: Ravulizumab. Zugelassen ist das Medikament zur Behandlung der paroxysmalen nächtlichen Hämoglobinurie (PNH). An ähnlicher Stelle greift der C3-Inhibitor AMY-101 ins Komplementsystem ein. Er wird ebenfalls bei COVID-19-Patienten mit schwerer Lungenentzündung erprobt.
  • Der Januskinas-Inhibitor Baricitinib wird in einer Studie für stationär behandelte COVID-19-Patienten untersucht; er ist bisher gegen rheumatoide Arthritis zugelassen. In einer Studie ließ sich die Genesungszeit von stationär behandelten COVID-19-Patienten mit der Kombination von Remdesivir und Baricitinib noch weiter verkürzen als mit Remdesivir allein. Sehr schwer Erkrankte profitierten deutlicher als Patienten mit leichteren Symptomen. In den USA wurde die Kombinationstherapie zur Notfallanwendung bei Patienten mit Covid-19 zugelassen. Eine Studie zur Behandlung mit Baricitinib alleine ist noch nicht abgeschlossen. Auch deutsche Kliniken sind an der Erprobung von Baricitinib gegen Covid-19 beteiligt. In einer Studie ließ sich die Genesungszeit von stationär behandelten Covid-19-Patienten mit der Kombination von Remdesivir und Baricitinib noch weiter verkürzen als mit Remdesivir allein. Analog wird auch der Januskinase-Inhibitor Ruxolitinib für diese Patientengruppe erprobt. Zugelassen ist Ruxolitinib allerdings zur Behandlung bestimmter Krebsarten; zudem wird es gegen Graft-versus-Host-Disease erprobt, bei der es ebenfalls um eine überschießende Immunreaktion geht. Das US COVID-19 Treatment Guidelines Panel sieht jedoch eine insuffiziente Datenlage für eine Empfehlung.[iii]
  • Ebenfalls als Krebsmedikament in Entwicklung ist Opaganib. Dieser Sphingosinkinase-2 (SK2)-Inhibitor hat in vorklinischen Studien eine entzündungshemmende, aber auch eine antivirale Wirkungen gezeigt. Das könnte für die Behandlung einer COVID-19-bedingten Lungenentzündung hilfreich sein. Das Medikament wurde in Italien über ein Härtefallprogramm verfügbar gemacht. Das Medikament wurde in einer Phase-II-Studie in den USA erprobt. Erste Analysen der Studie weisen positive Resultate aus.
  • Und auch Acalabrutinib, ein Brutontyrosinkinase-Inhibitor, wurde für die Krebstherapie entwickelt und hat eine Zulassung zur Therapie bestimmter Leukämien in den USA. Nun wird seine Wirkung auf überschießende Immunreaktionen bei COVID-19 analysiert.
  • Erprobt wird auch der Immunmodulator IMU-838 in zwei Phase II-Studien mit stationär behandelten COVID-19-Patienten. Der Wirkstoff, ein selektiver oraler Hemmstoff des Enzyms DHODH, hemmt den Stoffwechsel in aktivierten T- und B-Zellen, während er bei anderen Immunzellen kaum eingreift. Das Medikament war bislang in Entwicklung als Mittel gegen schubförmige Multiple Sklerose und andere Autoimmunkrankheiten. Es zeigte in Zellkulturen auch Wirkung gegen AIDS-, Hepatitis C- und Influenza-A-Viren. Erste Daten aus den klinischen Studien mit Patienten weisen darauf hin, dass IMU-838 die Sterblichkeit sowie auch die Notwendigkeit der Beatmung senken kann.
  • Ähnlich dazu untersuchen zwei Unternehmen den Immunmodulator DNL758 in einer Phase-Ib-Studie mit COVID-19-Patienten. Dieser Inhibitor von RIPK1, einem Molekül aus einem immunrelevanten Signalweg, wird seit 2018 gegen verschiedene Entzündungskrankheiten erprobt.
  • In rund 12 klinischen Studien wird Colchicin als Mittel gegen überschießende Immunreaktionen erprobt, eine davon geleitet vom Montreal Heart Institute. Das Mittel ist zugelassen gegen Gicht (und in manchen Ländern auch gegen Herzbeutelentzündung). In einer kleineren Studie in Griechenland hat das Mittel die Erholung schwer erkrankter COVID-19-Patienten beschleunigt. In einer größeren Studie am Montreal Heart Institute, genannt COLCORONA, wurde damit laut Medienberichten eine Senkung der Rate an Krankenhauseinlieferungen und der Lebensgefahr erzielt. Auch in einer Studie in Griechenland hat das Mittel die Erholung schwer erkrankter Covid-19-Patienten beschleunigt. Parallel dazu ist der Wirkstoff im adaptiven mehrarmigen Recovery-Trial (UK) in Erprobung.
  • In UK wird auch Dexamethason, ein Cortison-Derivat mit bekannter antientzündlicher Wirkung, zur Dämpfung der Immunreaktionen bei COVID-19-Patienten erprobt. Den mittlerweile publizierten Studienergebnissen zufolge kann Dexamethason das Sterberisiko bei PatientInnen, die Sauerstoff benötigen oder sogar künstlich beatmet werden müssen, um ein Fünftel bzw. ein Drittel senken. Eine entsprechende Zulassungserweiterung hat die EMA im September 2020 empfohlen. Auch mit den verwandten Wirkstoffen Hydrocortison und Methylprednisolon wurden Therapieverbesserungen erzielt. Dexamethason ist zwischenzeitlich zugelassen und wird von WHO und US COVID-19 Treatment Guidelines Panel empfohlen.[v]
  • Einen Immunmodulator ganz neuer Art stellt EDP1815 dar. Es enthält ein natürlich vorkommendes menschliches Darmbakterium, das aus dem Dünndarm eines Spenders isoliert wurde. Botenstoffe von EDP1815 können aus dem Darm heraus die Bildung bestimmter Zytokine dämpfen, ohne zugleich auch die Produktion von Typ-1-Interferonen herunterzuregeln, die die Virenabwehr stärken. Das Medikament wird gegen Autoimmunkrankheiten wie Schuppenflechte und atopische Dermatitis entwickelt, wird nun aber auch gegen in UK in der Studie Tactic-E COVID-19 erprobt.

Laufende Updates zu den Projekten liefert u.a. der Tracker des US-amerikanischen Milken Institute[vi]


Download des Factsheets als PDF

[i] Quelle: vfa. Die forschenden Pharmaunternehmen | www.vfa.de

[ii] Quelle: vfa. Die forschenden Pharmaunternehmen | www.vfa.de

[iii] Quelle: AIHTA | Covid-19 HSS/ Horizon Scanning Living Document V12 March 2021

[iv] Quelle: AIHTA | Covid-19 HSS/ Horizon Scanning Living Document V12 March 2021

[v] Quelle: Milken Institute | COVID-19 Treatment and Vaccine Tracker