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Lieven Hentschel – Bayer Austria: Es geht um ein Gesundheitsökosystem

Prävention und aktives Gesundheitsmanagement mit digitalen Tools werden im österreichischen Gesundheitssystem viel zu wenig berücksichtigt, meint Lieven Hentschel, seit Oktober 2020 Geschäftsführer von Bayer Austria und verantwortlich für die Region Südosteuropa, im Interview mit FOPI.flash.

Sie konnten internationale Erfahrungen sammeln und haben zweifellos einen differenzierten Blick auf den österreichischen Gesundheitssektor. Welche Trends nehmen Sie wahr? Wie wird der Wert von Arzneimittel-Innovationen gesehen?

Die Fragestellung nach dem Blick auf den österreichischen Gesundheitssektor ist eine spannende, fußt doch das österreichische Gesundheitssystem auf dem Bismarck-Modell der Sozial- und Krankenversicherung. Wir lenken also den Fokus auf die Krankheiten und deren Behandlung, jedoch nicht auf die Gesundheit und Maßnahmen für deren Erhalt wie Vorsorge- und Lebensstil. Entsprechend erstattet das Sozialversicherungssystem kurative, aber nicht präventive Maßnahmen.

So ist die Koppelung der Preisgestaltung von (innovativen) Arzneimitteln an Vergleichsprodukte oder Arzneimittelbudgets mittelfristig wahrscheinlich zu eng gefasst, da Innovationen andere Wirkmechanismen oder eine Kombination aus Arzneimitteln und anderen Optionen umfassen können, die dann zu Kostenreduktionen im Gesundheitsbereich über die klassischen Arzneimittelbudgets hinaus führen. Dieser Aspekt wird momentan gar nicht berücksichtigt. Ein weiterer Punkt ist die Digitalisierung mit virtuellen und digitalen Gesundheitsangeboten. Hier sehe ich Trends und Potenziale für die Zukunft, für deren Erstattung es aber bisher keine Rechtsgrundlage gibt.

Was schätzen Sie am österreichischen System?

Durch meine internationale Tätigkeit durfte ich erleben, wie differenziert der Wert an Arzneimittel-Innovationen im internationalen Kontext definiert wird. Aus diesen Beobachtungen heraus sehe ich in Österreich vor allem zwei Aspekte als vorteilhaft an: Erstens hat Österreich mit der No-Box im Erstattungssystem zweifellos einen Hebel, Patientinnen und Patienten früh und schnell innovative Arzneimittel zur Verfügung zu stellen, auch wenn die Erstattungsverhandlungen noch nicht abgeschlossen sind. Zweitens stellt die ELGA als digitales Informationssystem mit dem Zugang zu Gesundheitsdaten einen ersten und wichtigen Schritt im eHealth-Bereich dar. 

Was müsste getan werden, damit die Versorgung heimischer PatientInnen mit innovativen Arzneimitteln für die Zukunft sichergestellt ist?

Ein Trend ist die Digitalisierung. Hier gibt es mit der erwähnten ELGA zwar ein zentrales, digitales Informationssystem, Nutzbarkeit und Sammlung der Daten können aber noch für einen besseren Gesundheitsnutzen optimiert werden, vor allem im Hinblick auf Medikamenten- und Patientenmanagement. Die Frage mag banal erscheinen, aber nur ein eingenommenes Medikament wirkt und wie weiß das österreichische Gesundheitssystem heute, ob und wie ein Medikament eingenommen wird? Dasselbe gilt für das Patientenmanagement, das einer punktuellen, persönlichen Betrachtungsweise zugrunde liegt, jedoch keiner systemisch nach vorne gerichteten. Es geht um ein Gesundheitsökosystem, das am Patienten/an der Patientin und deren Gesundheit mit dem Fokus auf Vorsorge ausgerichtet ist. Ein System, das digitale Tools mit bestehenden Datenbanken nutzt und so Gesundheit aktiv managt und auch erstattet.

Zur Realisierung so eines Ökosystems bedarf es einer Reihe an Voraussetzungen: Rechtliche Grundlagen für die Implementierung von eHealth-Anwendungen und Telemedizin oder Erstattungsmodelle für Gesundheits-Apps, die im Vorsorgemanagement unterstützen können, Incentivierungsmaßnahmen für ein integriertes, digitalisiertes Medikamenten- und Patientenmanagement sowie konzertierte Aktivitäten zur Förderung der individuellen Gesundheitskompetenz, sprich: Health Literacy.

All das geht mit dem Wert einher, den man Gesundheit und Innovationen im Gesundheitsbereich beimisst: Der Wert von Vorsorge und Beratung wird in vielen Ländern differenziert gesehen. Es gibt Länder, in denen aktiv in die Vorsorge investiert wird und in denen HCPs für Beratung incentiviert oder bezahlt werden, um derart Gesundheitskosten zu senken bei gleichzeitiger Erhöhung der allgemeinen Gesundheit. Das ist in Österreich noch nicht so abgebildet. Laut einer EUROSTAT-Studie von 2019 haben Österreicherinnen und Österreicher rund 58 gesunde Jahre – um vier Jahre weniger als im EU-Durchschnitt. Hier gilt es mit (digitalen) Präventions- und entsprechenden Erstattungsmodellen anzusetzen. Zum Wohle der österreichischen Bevölkerung. Dazu wollen wir als forschendes Unternehmen einen nachhaltigen Beitrag leisten.

Über Bayer Österreich

Bayer ist ein weltweit tätiges Innovationsunternehmen mit einer über 150-jährigen Geschichte und Kernkompetenzen auf den Gebieten Gesundheit und Agrarwirtschaft. Über 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Österreich sind verantwortlich für Marketing, Vertrieb, technische und medizinische Beratung für Bayer-Produkte sowie klinische Studien. Seit 2009 erfolgt von Wien aus die Steuerung der Ländergruppe Südosteuropa, die Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Nord-Mazedonien, Serbien, Slowenien und Österreich umfasst. Der Standort in Österreich trägt mit seinen Pilotprojekten und als steuernde Kraft für die Ländergruppe Südosteuropa zur Umsetzung der Mission „Science For A Better Life“ bei und dass eines Tages Bayers Vision „Health for all, Hunger for none“ Wirklichkeit wird. Weitere Informationen: www.bayer.at  

Bild © Bayer/APA-Fotoservice/Hörmandinger

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