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Karl Wögenstein: Value-Based Pricing für innovative Arzneimittel

In Österreich wird der Wert neuer Arzneimittel oft auf ihren Preis reduziert, spricht Karl Wögenstein, neuer Geschäftsführer von Grünenthal Österreich, klare Worte. Er fordert daher value-based pricing, also faire Preise für innovative Arzneimittel, und die Möglichkeit der Indexanpassung. Weiters darf seiner Meinung nach die Generierung neuer Daten nicht bestraft werden.

Sie sind seit kurzem neuer Geschäftsführer von Grünenthal in Österreich und damit Nachfolger von Thomas Schöffmann. Mit welchen Zielen sind Sie angetreten? Was wollen Sie verwirklichen?

Grünenthal Österreich ist als Spezialist für Schmerztherapie ein sehr geschätzter Partner und wurde in den vergangenen Jahren durch Dr. Thomas Schöffmann mit hoher Expertise, verantwortungsbewusst und nachhaltig geführt. Diesen Weg möchte ich natürlich weitergehen. Gleichzeitig stehen wir vor einigen Herausforderungen. So hat die Pandemie Prozesse wie Digitalisierung beschleunigt oder Probleme wie Personalnotstand, Kostendruck etc. verschärft. Als Unternehmen müssen wir uns daher kontinuierlich anpassen und weiterentwickeln. Unsere Partner:innen erwarten eine exzellente Customer Experience. Um das zu bieten, müssen wir als kleines Team in Österreich kreativ und dynamisch sein, um neue Wege zu beschreiten. Als Schmerzspezialist decken wir sowohl einen breiten Bereich an innovativen Produkten im Specialty-Care-Bereich als auch an Retail-Produkten, die sich bereits im generischen Mitbewerberfeld befinden, ab. Hier möchte ich mich darauf konzentrieren, alle Beteiligten des Gesundheitssystems zu erreichen, optimal zu unterstützen und damit Rahmenbedingungen zu schaffen, die es erlauben, unsere Patient:innen bestmöglich zu versorgen. So können wir in Österreich dazu beitragen, der Verwirklichung unserer Vision von einer Welt ohne Schmerzen ein Stück näher zu kommen.

Wie ist in Zusammenhang damit Ihr Blick auf das österreichische Gesundheitssystem? Welche Stärken und Schwächen nehmen Sie wahr?

Beginnen wir mit den Stärken: Österreich ermöglicht Spitzenmedizin und ist ein großartiges Land für klinische Studien. Die Krankenhäuser erlauben in den meisten Fällen einen raschen Zugang für innovative Medikamente nach Zulassung durch die EMA. Das räumt Österreich immer wieder eine Sonderstellung in großen Konzernen ein. Aber wo Licht, da auch Schatten. So ist es in hierzulande schwierig, Real-World Evidenz zu generieren, weil die Datenlage oft dünn beziehungsweise kein Zugriff darauf möglich ist. Hier entgehen uns tolle Möglichkeiten, unsere Kräfte noch zielgerichteter einzusetzen. Auch im Zusammenspiel des intra- und extramuralen Bereiches sowie in der Abgeltung von Leistungen gibt es aus meiner Sicht Verbesserungspotential. Das führt unter anderem dazu, dass die Versorgungssituation in manchen Bereichen leidet – teilweise rechnet es sich für die Ärzt:innen schlichtweg nicht, eine zeitlich aufwändigere Therapie auch im niedergelassenen Bereich einzusetzen, selbst wenn diese Vorteile für Patient:innen hätte.

Wie wird der Wert von Arzneimittel-Innovationen gesehen?

Wie bereits gesagt, können wir im Vergleich zu anderen Ländern Innovation sehr schnell in die Krankenhäuser bringen. Auf der anderen Seite wird der Wert neuer Arzneimittel oft auf ihren Preis reduziert. So haben wir in Österreich die einzigartige Situation, dass neue Daten bei bestehenden Medikamenten zu einer Preisreduktion führen – selbst, wenn sie Verbesserungen nachweisen. Auch der Umgang mit neuartigen klinischen Endpunkten, die entscheidend für das Patient:innenwohl sein können, oder verhinderte Folgekosten durch innovative Therapien finden kaum Einfluss auf Preisdiskussionen. Das hemmt die Motivation neue Evidenz zu schaffen. Fehlendes indication-based pricing, das in vielen Ländern Usus ist, führt dazu, dass kleinere Indikationen in Österreich teilweise nicht bespielt werden. Hier braucht es dringend ein Umdenken.

Was schätzen Sie am österreichischen System?

Trotz aller Kritik hat Österreich ein Gesundheitssystem, um das uns viele Länder beneiden. In unserem Land ist Spitzenmedizin für alle Menschen möglich. Wir haben gut ausgebildete Ärzt:innen und Pflegefachkräfte. In allen Bereichen findet man motivierte Menschen, die Leistungen erbringen, die über ihre Rolle hinausgehen, um strukturelle Versäumnisse zu kompensieren. Aus Pharmasicht schätze ich, dass neue Produkte mit wenig Zeitverzögerung gelauncht werden können und dass der Wert von Originalprodukten sowohl von Verschreiber:innen als auch von Patient:innen erkannt wird.

Wo bräuchte es dringend neue Lösungen, um das Gesundheitssystem angesichts von Pandemie, Preisentwicklung und regulatorischer Veränderungen zukunftsfit zu halten?

Es wäre wichtig, durch Inflation und Energiekosten steigende Preise, die an uns als Produzenten und Distributoren weitergegeben werden, angleichen zu können. Da eine Indexanpassung in Österreich nicht möglich ist, ist es eine immer größere Herausforderung, kostendeckend zu produzieren und Produkte auf dem Markt zu halten.

Ein Beispiel aus dem Krankenhaus: Während der Pandemie mussten aufgrund des Pflege- und Ärztenotstands Schmerzambulanzen ihren Betrieb zurückfahren beziehungsweise wurden zum Teil sogar geschlossen, weil das Personal woanders gebraucht wurde. Die ohnehin schon angespannte Versorgungssituation in diesem Bereich spitzte sich noch weiter zu, denn Patient:innen können mit der aktuellen Regelung nicht ausreichend in der Niederlassung versorgt werden. Daher gilt es, strukturelle Probleme anzugehen – Krankenhausjobs müssen attraktiver, die Erstattung und Vergütung niedergelassener Leistungen verbessert werden.

Was müsste getan werden, damit die Versorgung heimischer Patient:innen mit innovativen Arzneimitteln für die Zukunft sichergestellt ist?

Ganz klar: value-based pricing. Es braucht faire Preise für innovative Arzneimittel und die Möglichkeit der Indexanpassung. Weiters darf die Generierung neuer Daten nicht bestraft werden und es bedarf einer Akzeptanz für neuartige Endpunkte auch aus Real-World-Daten. Nicht zuletzt muss die Vergütung im niedergelassenen Bereich verbessert werden – beispielsweise, wenn Ärzt:innen Arzneimittel einsetzen möchten, die aktuell im intramuralen Bereich angewandt werden, und die mehr Zeit in der Betreuung der Patient:innen nötig machen.

Über Grünenthal

Grünenthal ist ein weltweit führendes Unternehmen in der Behandlung von Schmerzen und verwandten Erkrankungen mit langjähriger Erfahrung in innovativer Schmerztherapie und der Entwicklung modernster Technologien für Patienten weltweit. Mit aller Kraft setzt sich das Unternehmen für die Verwirklichung seiner Vision von einer Welt ohne Schmerzen ein. Die Wurzeln des Unternehmens sind in Deutschland – Grünenthal hat seine Konzernzentrale in Aachen und ist mit Gesellschaften in 28 Ländern in Europa, Lateinamerika und den Vereinigten Staaten vertreten. Die Produkte des Schmerzspezialisten sind in mehr als 100 Ländern erhältlich. Im Jahr 2021 beschäftigte Grünenthal rund 4.500 Mitarbeitende und erzielte einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro. Das österreichische Tochterunternehmen wurde 1977 gegründet und beschäftigt aktuell 17 MitarbeiterInnen. Mehr auf www.grunenthal.at