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Neue Medikamente gegen COVID-19 – Alte und neue Ideen in der Waagschale

Neben dem Umwidmen bestehender, teils sogar zugelassener Medikamente auf COVID-19 (dem so genannten „Repurposing“) konzentrieren sich Unternehmen zunehmend darauf, neue Arzneimittel gezielt zu entwickeln.

In einer wachsenden Zahl von Projekten wird versucht, neue Medikamente gegen COVID-19 zu entwickeln. Hier kann man drei Arten von Projekten unterscheiden[1]:

  • Projekte für antivirale Antikörper
  • Vorhandene Projekte in frühen Stadien für antivirale Medikamente
  • Projekte zur Neuentwicklung anderer geeigneter Wirkstoffe

Antivirale Antikörper

Anfang Oktober haben die Unternehmen Regeneron und Lilly für ihre jeweiligen SARS-CoV-2-Medikamente auf Antikörperbasis in den USA eine Emergency Use Authorization (Notfallzulassung) beantragt, nachdem sie positive Zwischenergebnisse aus ersten klinischen Studien gesehen hatten. Und in der EU hat Regeneron mit Partner Roche bei der EU-Zulassungsbehörde EMA für sein Medikament einen „Rolling Review“ initiiert; es wurden also Teile der Zulassungsunterlagen eingereicht, die nach und nach um Studienergebnisse ergänzt werden sollen.
Die mit Hilfe moderner biotechnologischer Methoden entwickelten und produzierten Medikamente beruhen letztlich auf einem schon alten Ansatz zur Bekämpfung von Erregern. Denn schon seit Jahrzehnten werden PatientInnen mit bestimmten Infektionskrankheiten oder Vergiftungen die Antikörper aus dem Blutserum von menschlichen Spendern (oder Tieren) injiziert oder infundiert, die die betreffende Krankheit bereits überstanden haben.

Bei den meisten Projekten zur Neuentwicklung von Medikamenten gegen SARS-CoV-2 steht deshalb ebenfalls die Blutflüssigkeit vormaliger COVID-19-Patienten mit ihren Antikörpern im Zentrum, das sogenannte „Rekonvaleszentenserum“ oder “Rekonvaleszentenplasma” (Serum ist Plasma, aus dem bestimmte Gerinnungsstoffe entfernt wurden). Nach Art der Vorgehensweise lassen sich Gruppen von Projekten unterscheiden:

1. Direktweitergabe der Antikörper von Rekonvaleszentenplasma

2. Antikörperpräparate aus Rekonvalenzentenplasma

3. Präparate mit kopierten Antikörpern aus Rekonvaleszentenplasma

4. Medikamente mit Genen für Antikörper aus Rekonvaleszentenplasma

5. Präparate mit kopierten Antikörpern aus SARS- oder MERS-Rekonvaleszentenplasma

6. Präparate mit Antikörpern von Labortieren oder aus dem Computer

7. Nanobodies und andere antikörperähnliche Moleküle

Ein Beispiel: Vir Biotechnology hat etwa Antikörper aus dem Blutserum von Personen in einer Phase III-Studie analysiert, das 2003 nach einer überstandenen SARS-Infektion abgenommen wurde. Vir und GSK publizierten kürzlich Ergebnisse eines unabhängigen Datenüberwachungskomitees, wonach das Präparat das Risiko von Hospitalisierung oder Tod um 85 % reduzieren dürfte.[ii]

Einen tabellarischen Überblick über alle laufenden Projekte für SARS-CoV-2-neutralisierende Antikörper gibt die Antibody Society.

Vorhandene Projekte in frühen Stadien für antivirale Medikamente

Einen anderen Weg verfolgt ein Forschungsteam der Universität Lübeck. Es entwickelt seit Jahren sogenannte Alpha-Ketoamide als antivirale Wirkstoffe gegen Corona- und Enteroviren (die u. a. für Mundfäule verantwortlich sind). In Laborversuchen hemmen neuen experimentellen Wirkstoffe die Vermehrung dieser Viren. Einer davon, genannt “13b”, ist gegen Coronaviren optimiert. Er soll nun in Zellkulturen und mit Tieren getestet und im Fall von positiven Ergebnissen gemeinsam mit einem Pharma-Unternehmen in Studien mit Menschen erprobt werden.

Projekte zur Neuentwicklung geeigneter Wirkstoffe

Eine Reihe großer Pharma-Unternehmen haben sich zusammengetan, um neue therapeutische Medikamente (wie auch Impfstoffe und Diagnostika) gegen COVID-19 zu entwickeln. In einem ersten Schritt werden sie ihre firmeneigenen Sammlungen von Molekülen, für die bereits einige Daten zu Sicherheit und Wirkungsweise vorliegen, zur Verfügung zu stellen. Diese sollen von der Einrichtung Covid-19 Therapeutics Accelerator getestet werden, die von der Gates Foundation, dem Wellcome Trust und Mastercard ins Leben gerufen wurde. Für als aussichtsreich eingestufte Moleküle sollen dann binnen zwei Monaten auch Tests mit Tieren beginnen. Zu der Unternehmens-Gruppe gehören BD, bioMérieux, Boehringer Ingelheim, Bristol-Myers Squibb, Eisai, Eli Lilly, Gilead, GSK, Janssen (Johnson & Johnson), MSD, Merck, Novartis, Pfizer und Sanofi.

Die Unternehmen Molecular Partners und Novartis entwickeln zwei antivirale Medikamente auf Proteinbasis (genannt MP0420 und MP0423), die sich ähnlich wie Antikörper an die Viren heften und diese so an der Vermehrung hindern sollen. Dieser ursprünglich an der Universtiäts Zürich entwickelte Proteintyp wird DARPins genannt. Bislang wurden sie noch nicht mit Menschen erprobt.

Einen anderen Plan verfolgen die Unternehmen, die SARS-CoV-2 mittels Gene Silencing bekämpfen wollen. Bei diesem Ansatz wird verhindert, dass bestimmte Gene zur Virusvermehrung genutzt werden können. Vir Pharmaceuticals und Alnylam Pharmaceuticals (beide USA) wollen diese mit Hilfe sogenannte siRNA-Wirkstoffe erreichen. Auch das südkoreanische Unternehmen OliX Pharmaceuticals arbeitet an einem Wirkstoff dieser Art. Das deutsche Biotech Secarna und die chinesische Guangzhou’s Sun Yatsen Universität wollen das Gene Silencing mit Hilfe eines Antisense-Oligonucleotids erreichen – einem Molekül aus einer verwandten Wirkstoffklasse.

Download des Factsheets als PDF


[i] Quelle: vfa | Neue Medikamente gegen SARS-CoV-2

[ii] Quelle: GSK | Vir Biotechnology and GSK announce VIR-7831 reduces hospitalisation and risk of death in early treatment of adults with COVID-19